IRONMAN HAWAII – Tag 10 – Race Day

Ich bin die Nacht zweimal wach geworden. Draußen gießt es in Strömen. Ich träume davon, dass wegen Gewitter aus dem IRONMAN Hawaii ein Duathlon wird.
Der Wecker klingelt um 2:45. Der Regen hat aufgehört. Mal gucken, was das Wetter heute so bringt. Die Wettervorhersage hat ja Regen und Gewitter mit Überflutungen angekündigt.
Ich spule das Pre-Race Programm runter. Duschen, dann der erste Kaffee seit 4 Wochen (YEAH!), 5 Toast mit Honig, fett mit Sonnencreme eincremen, anziehen und los geht’s zum Start.
Michelle, Tini und Marvin begleiten mich.

Check In

Hinter dem Kona Beach Hotel stelle ich mich in die Schlange zum Body-Marking. Pünktlich um 4:45 öffnen sich die Tore. Alles ist perfekt durchorganisiert. Hunderte von Helfen leiten die Athleten durch die einzelnen Stationen. Ich bekomme von einer netten älteren Dame meine Startnummer auf die Unterarme geklebt. Dann werde ich gewogen (nach dem Rennen allerdings nicht mehr, Sinn?) und kann zu meinem Rad. Aufpumpen, kurzer Check. Passt.
Jetzt habe ich noch ein Stunde Zeit und geselle mich zu Michelle, Tini und Marvin. Auf den Weg dorthin läuft mir noch Sebastian Kienle über den Weg. “Ich will einen Sieg sehen!” – “Ich hoffe doch von mir!” – “Klar!”. Ich mag ihn, er hat ne coole Art.
Irgendwann begebe ich mich wieder in die Wechselzone und schaue den Start der Profi-Männer. Ich stehe direkt hinter der Kanone. Als die US-Hymne gesungen wird, bekomme ich schon etwas Gänsehaut und als dann die Kanone donnert und ich im Pulverrauch stehe, muss ich aufpassen, dass die Emotionen nicht mit mir durchgehen.

Ironman Hawaii – Swim

Ich dackele zum Schwimmeinstieg und treibe mit 1600 anderen Age-Groupe-Männern eine viertel Stunde an der Startline und warte auf unseren Startschuss. BOOM! Es geht los!
Hell brakes lose! Dies ist mein erster richtiger Massenstart und ich hoffe, mein letzter.
Was folgt sind eine gute Stunde Schlägerei. Ich bekomme einen tritt in die Nieren und dreimal ordentlich eine auf die Brille. Hier zieht keiner zurück. Hier zählt das Recht des Stärkeren. Ich finde es scheisse. Ich versuche immer wieder aus dem Getümmel zu entkommen. Aber ständig schlägt mir jemand auf die Füße. Ich bin total entnervt. Komme nicht in den Rhythmus. Was sind denn das alles für Assis?! Man kann ja mal jemandem auf die Füße hauen, aber dann ziehe ich doch zurück oder versuche ein bisschen seitlich zu schwimmen. Nein, hier nicht. Nach 1:09:02 steige ich aus dem Wasser. Mit der Zeit bin ich nicht zufrieden. Aber was soll’s, Hauptsache einigermaßen heil und unverletzt überstanden. Jetzt kann das Rennen anfangen.

Der Schwimmausstieg des IRONMAN HAWAII

Ironman Hawaii – Bike

Ich wechsele auf’s Rad. Die Radstrecke ist gar nicht so voll wie befürchtet. Man kann einigermassen fair fahren. Wobei sich immer mal wieder ein Pulk aufstaut, aber das lässt sich bei einem Massenstart schwer verhindern. Es geht erst den Ali’i Drive hoch und wieder zurück bevor wir auf den Queen K Highway Richtung Hawi abbiegen. Tja, was soll ich jetzt groß schreiben. Man fährt auf dem Queen K auf einer fast geraden Strasse durch die Lava-Felder. Die Strecke ist ziemlich hügelig, hoch nach Hawi auch mal etwas steiler. Kurz, die Strecke ist verdammt langweilig. Es ist fast wie Rolle fahren.
Heute gibt es kaum Wind, was das Radfahren deutlich erleichtert. Ich merke aber schon nach einer Stunde, dass das nicht mein Rad-Tag ist. Ich bekomme nicht die Watt auf’s Pedal, die ich mir vorgenommen habe. Ich fahre mit deutlich weniger Power als in Frankfurt. Aber meine Oberschenkel brennen schon und ich will lieber nicht zu viel riskieren.

180km durch die Lava

Das Rennen empfinde ich als recht fair. Es wird wenig Windschatten gefahren. Aber die Kampfrichter fackeln auch nicht lange. Im ersten Penalty-Zelt stehen bestimmt 20 Leute und sitzen ihre Zeitstrafe ab. Irgendwann donnern auf der gegenüberliegenden Seite die Profis an uns vorbei. Ich sehe Lange vorne im Feld, aber wo ist Sebi? Der hat nach der Hälfte der Strecke schon deutlichen Rückstand. Was ist da los?
Richtung Hawi ziehen Wolken auf. Es nieselt für etwa eine Minute. Das war’s dann auch mit Unwetter. Ab Höhe Flughafen ist wolkenloser Himmel angesagt und sengende Sonne.

Nach sonst ereignisarmer Radfahrt erreiche ich Dank der Windstille nach 4:56:45 Stunden zum zweiten Wechsel das Pier. Die Zeit liest sich auf dem Papier ganz gut, aber auch hier bin ich nicht richtig zufrieden. Ich wollte aber auch nichts riskieren. Ankommen ist die Devise!

Ironman Hawaii – Run

Auch auf der Laufstrecke geht es erstmal eine Runde über den Ali’i Drive. Es ist verdammt warm. Die Sonne strahlt bei wolkenlosem Himmel. Na toll, ich hatte mich schon auf den Regen gefreut. Naja, vielleicht kommt er ja wie die letzten Tage gegen Nachmittag. Die ersten 10 Kilometer laufen eigentlich nach Plan. Pace zwischen 4:30 und 4:40. Nur nicht überzocken. An der Strecke gibt es durch Bäume und Häuser auch immer mal wieder Schatten und die Anwohner stehen mit ihren Gartenschläuchen an der Strecke um uns eine kleine Abkühlung zu verschaffen.
Nach der Kona-Runde gehte es hoch auf den Queen K Highway. Die Straße dorthin ist steil. Viele Athleten gehen. Ich will nicht gehen, also trabe ich die Strasse gemächlich hoch.

Und es geht wieder auf den schnurgeraden Highway. Vor mir sehe ich eine Perlenkette aus Menschen. Krass, sind da viele vor mir. Aber das ich halt kein normaler Ironman. Hier sind eben nur die Besten. Aber ein bisschen zieht es mich schon runter, dass ich so weit hinten bin.
Auf dem Highway brennt die Sonne. Die Wettervorhersage hätte falscher nicht sein können. Es ist keine Wolke am Himmel und der fehlende Wind, der sonst für etwas Abkühlung sorgt, macht die Lavawüste zum Glutofen mit hoher Luftfeuchtigkeit. Das ist nicht mein Wetter.

Die letzten Meter zum Ziel

Nach kurzer Zeit stürmt Patrick Lange auf der anderen Seite an mir vorbei. Alter, ist der krass unterwegs. Und dann kommt lange erstmal niemand. Der wird das Ding wohl wieder gewinnen? Wo ist Sebi? Wo ist Sanders? Keine Spur. Hätte ich nicht erwartet.
Das Laufen wird zäh und mühsam. Ich merke, wie mein Körper überhitzt. An jeder Verpflegungsstation überschütte ich mich mit Eiswasser, nehme Eis und gekühlte Schwämme. Wie geil es sein kann, wenn dir ein Stück Eis den Rücken runterläuft. Aber die Abkühlung hält nie lange an. Ich gehe, durch jeder Station. Kühlen, trinken, Gel, Koffein, kühlen. Das ist kein Marathon, das ist Überlebenskampf.
Irgendwann schnappe ich mir eine leere Gatorade Flaschen um diese immer wieder mit Eiswasser zu füllen. Damit bewässere ich mich zwischen den Versorgungsstation.
Wann kommt eigentlich die verfluchte Abzweigung zum Energy Lab? Und wie zur Hölle haben die es hier geschafft eine Strasse zu bauen, die in beide Richtungen immer bergauf geht?

Das Energy Lab

Irgendwann erscheinen die Sonnenkollektoren am Horizont. Endlich!
Wobei, auf was freue ich mich da eigentlich? Ich weiss ja, was mir da unten blüht.
Ich laufe den Berg runter an die Küste. Am Rand werden nasse Handtücher verteilt. Geil! Ich klemme mir eins unter die Mütze, damit wenigstens mein Nacken nicht total verbrennt. Zwei weitere schlinge ich mir um den Hals.
Die prognostizierte Marathonzeit fällt beständig von anfangs 3:16 auf 3:25. Ich korrigieren mein Minimalziel auf 3:45. Das wäre dann die Sub10.

Nach der Runde im Energy Lab geht es den verfluchten Berg wieder hoch. Das kostet alles so viel Kraft. Mir tut alles weh. Ich will eigentlich nur noch stehen bleiben. Da es aber nirgends einen Millimeter Schatten gibt, ist die Verlockung stehen zu bleiben dann doch nicht allzu groß. Die nächste Verpflegungsstation lockt mit frischem Eis.
Mit meinen Leidensgenossen schleppe ich mich über den Asphalt. Einige bekommen Krämpfe oder kotzen in die Lava. Warum machen wir das hier eigentlich? Ich laufe am Rande meiner Leistungsfähigkeit. Ich hoffe nur, dass ich nicht kollabiere. Das ist tatsächlich meine einzige Sorge. Hauptsache einigermaßen heil ankommen.
Es geht gefühlt immer bergauf. Und wo ist eigentlich der Regen? Oder der Wind? Der Asphalt brennt.

Es ist vollbracht!

Aber ich komme dem Ziel beharrlich näher. Ich zähle jeden Kilometer runter.
An der letzten Verpflegungsstation bei Kilometer 41 bleibe ich nochmal stehen und entsorge die ganzen Schwämme, die in meinem Anzug stecken, mach mich nochmal frisch und schließe den Reißverschluss des Einteilers. So viel Zeit muss sein für DEN Zieleinlauf.

IRONMAN HAWAII Zieleinlauf

Kurz vorm Ziel drückt mir Marvin eine St. Pauli Fahne in die Hand. Ich kann es nicht fassen, ich habe es irgendwie geschafft. Ich laufe durch den legendären Zielkanal wo hunderte Menschen jubeln. Mit Tränen in den Augen überquere ich die Ziellinie. “YOU ARE AN IRONMAN!” Die magischen Worte bekomme ich noch unterbewusst mit bevor ich auf die Knie falle. Ein Jahr der Entbehrungen und des Trainings finden hier ihren Abschluss. Ich kann es kaum in Worte fassen. Es ist einfach ein großer Moment.

Finishline Party

Am Abend schleppe ich mich mit Michelle total kaputt noch einmal zur Finishline. Ich finde es immer Klasse, die letzten Athleten ins Ziel zu holen. Diese haben meinen allergrößten Respekt, denn sie gehen bis zu 17 Stunden an ihr körperliches Limit. In der Zeit habe ich schon geduscht und einen Power-Nap gemacht. Die Szenen, die sich dort abspielen, sind echt inspirierend. So fällt an diesem Abend – nach Patrick Langes Fabel-Rekord – noch ein weiterer Weltrekord. Kurz vor Zielschluss kommt der älteste Hawaii Finisher aller Zeiten ins Ziel. Hiromu Inada aus Japan finished im Alter von 86 (!!!) Jahren. Was soll man da noch sagen?
Es ist ein perfekter Abschluss. Die Champions Lange und Ryf ehren die Letzten. Ein Traditioneller Feuertanz und die hawaiianische Hymne und dann ist er zu Ende, der 40. IRONMAN Hawaii.

Fazit

Ein unfassbar geiles Erlebnis. Es ist einfach unbeschreiblich.
Alleine der Anblick der Medaille lässt mich erzittern. Warum tut man sich das an? Ich habe ehrlich gesagt keine vernünftige Erklärung. Aber Kona ist eben der Olymp des Triathlon. Hier will jeder hin, hier will jeder mal finishen. Und ja, wenn man dann im Ziel ist ist es einfach nur mega geil.
Auch die ganze Atmosphäre in den Tagen vor dem Rennen ist magisch.
Würde ich nochmal starten? Ja, vielleicht in ein paar Jahren. Aber ich würde nicht mehr so verbissen auf die Quali hinarbeiten. Das Ziel ist erreicht. Es gibt noch viele andere schöne Rennen.

Mit meinem Rennen bin ich aus rein sportlicher Sicht nicht zufrieden. Platz 93 in der Altersklasse ist nicht unbedingt das, da hatte ich mir nach Frankfurt mehr ausgerechnet . Und das es mit der Sub10 geklappt hat, lag auch etwas an den verhältnismäßig einfachen Bedingungen auf der Radstrecke. Ich wäre insgeheim gerne 20 Minuten schneller gewesen. Schwimmen kann ich einfach nicht und werde es wohl auch nie mehr. Aber mit der Zeit bin ich wirklich unzufrieden. 15 Minuten auf den Großteil der Altersklasse zu verlieren, ist in einem Feld mit diesem Niveau tödlich. 5 Minuten weniger hätten es schon sein können. Aber heute habe ich in keiner Disziplin richtig gepunktet. Zum einen, weil ich auf dem Rad auf Nummer sicher gegangen bin, zum anderen, weil ich beim Laufen, meiner eigentlichen Stärke, nicht mit der Hitze klar gekommen bin. Ja, das mag jetzt alles bisschen doof klingen, aber am Ende ist es eben auch ein Wettkampf und ein Messen mit den Besten der Welt.
Okay, das war genug Mimimi…. und das war auch mein letzter Bericht, denn jetzt fängt der eigentlich Urlaub an. 3 Wochen auf Kauai und Big Island.

Danke für eure Anteilnahme, für’s Daumendrücken, die Wünsche und Glückwünsche!
Vielen Dank an die ganzen Verrückten, die sich wegen mir die Nacht um die Ohren geschlagen haben!
Danke an meinen Coach Mättz. Danke an Tini & Marvin, die zum Supporten ihre US-Tour unterbrochen haben!
Ein riesen Dankeschön an meine Eltern, die mit uns auf diese schreckliche Insel geflogen sind!
Und Danke an Michelle für das Jahr der Entbehrungen!

You never swim, bike and run alone!

Infos zum Ironman Hawaii auf der Veranstalter Webseite