Ironman Switzerland Thun 2025 – Ein Rennen aus dem Bilderbuch

Tatsächlich sah der ursprüngliche Plan für das Jahr 2025 ganz anders aus. Eigentlich standen mir keine Urlaubstage zur Verfügung, um an einer Langdistanz teilzunehmen, für die eine weitere Anreise notwendig gewesen wäre. So rückte der Ironman Switzerland Thun, nach einem Blick in den Rennkalender, in den Fokus.
Dieses Rennen hatte ich bisher gar nicht auf dem Zettel, aber es war nach Frankfurt tatsächlich der Ironman mit der kürzesten Fahrtzeit für uns.
Da ich den Ironman Frankfurt bereits 2018 gemacht habe, fiel meine Wahl also auf die Schweiz.

Weil Michelle verletzungsbedingt nicht beim Ironman Hamburg starten konnte und damit der Jahresplan für 2025 komplett über den Haufen geworfen wurde, kam es, dass auch Michelle sich für den Ironman Switzerland Thun anmeldete.
Somit sollten wir nach dem Ironman Klagenfurt im letzten Jahr zum zweiten Mal gemeinsam an der Startlinie einer Langdistanz stehen. Diesmal dann hoffentlich mit einem Happy End für uns beide.

Drama vor dem Rennen

Eine Woche vor unserer Abreise habe ich mein Zeitrad für das Rennen vorbereitet, die Schaltung kontrolliert und geladen, Bremsen nachjustiert und eine neue Kette aufgelegt.
Als ich am nächsten Morgen in mein Zimmer komme, wundere ich mich über eine kleine Pfütze unter dem Rad. Mir ist direkt klar, was das ist: Bremsflüssigkeit. Ich ziehe kurz am Bremshebel und mein Verdacht wird bestätigt. Keine Funktion.
Offenbar hat das Nachjustieren der Dichtung im Bremshebel den Rest gegeben. Leider ein bekanntes Problem der hydraulischen Magura Felgenbremse.
Kurz breche ich in Panik aus. Was tut man in so einem Fall? Ich sah mich schon mit dem Rennrad an den Start gehen.
Ich bin mir relativ sicher, dass mir in einer Radwerkstatt auf die Schnelle niemand helfen kann und nutze deshalb Instagram für einen Hilferuf.

Eines muss man der Triathlon-Szene lassen, sie ist extrem hilfsbereit. Mir wurden Räder angeboten, Reparaturanleitungen gemailt und Ersatzteile zugeschickt. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich alles zusammen, um die Bremse selbst zu reparieren.
An dieser Stelle noch einmal ein großer Dank an alle, die sich angesprochen fühlen.
Das Rad war nun bereit und der Ironman Switzerland Thun konnte kommen.

Ironman Switzerland Thun 2025 Cube Aerium

Die Tage vor dem Ironman Switzerland Thun

Am Mittwoch vor dem Rennen ging es für uns mit dem voll beladenen Volvo Richtung Thun, wo wir knapp fünf Stunden später in unserem Airbnb ankamen.
Unsere Unterkunft hatten wir in Seftigen, einem kleinen Ort vor den Toren Thuns, durch den auch die Radstrecke geht. Sehr idyllisch und ruhig, neben einem Bauernhof gelegen, hatten wir unser Quartier bezogen. Morgens standen die Kühe mit ihren Kälbern vor unserem Wohnzimmerfenster auf der Weide und wir wurden vom Läuten der Kuhglocken geweckt. Es war wie im Bilderbuch.

Am Donnerstagmorgen war das Wetter eher mau und da wir nichts besseres zu tun hatten, entschlossen wir uns die Radstrecke mit dem Auto abzufahren.
Für den Nachmittag standen ein kurzer Aktivierungslauf und eine Schwimmeinheit im Plan. So fuhren wir am Ende unserer Streckenbesichtigung nach Thun, um am See zu laufen und danach schwimmen zu gehen.
Als wir den Lauf beendet hatten und schon halb in unseren Neoprenanzügen steckten, fing es an zu regnen.
Eigentlich kein Problem, aber wer schon mal versucht hat, einen nassen Neoprenanzug anzuziehen, weiß, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Wir haben uns noch ein paar Minuten abgemüht, doch dann fing es so stark an zu regnen, dass wir unseren Plan aufgaben und wie die begossenen Pudel abgezogen sind.

Ironman Switzerland Thun 2025 Laufen mit Michelle

Registrierung und Bike Check-in

Am Freitag war das Wetter wieder makellos. Für den Morgen hatte Ironman kostenlose Stadtführungen organisiert. So ging es für uns mit einer netten Dame vom Tourismusbüro und einer kleinen Truppe Triathleten auf eine 90 minütige Runde durch das malerische Thun. Auch hier gab es wieder einige schöne Postkartenmotive zu fotografieren.
Danach ging es dann noch schnell zur Registrierung, um die Startunterlagen und den obligatorischen Ironman Rucksack abzuholen. Ich bekam die Startnummer 670 und Michelle die 671 und somit hatten wir in der Wechselzone die Stellplätze direkt nebeneinander.
Für den Nachmittag war lediglich noch eine kurze Radrunde geplant, die ich auf einem Teilstück der Radstrecke in Seftigen absolvierte. Die Bremse hielt und ich war beruhigt.

Ironman Switzerland Thun 2025 Bib Nummern

Am nächsten Tag stand eigentlich nur der Rad Check-in auf der Tagesordnung. Es war etwas knifflig eine freien Parkplatz zu ergattern, aber mit ein wenig Geduld wurde ein Platz frei. Als ich mein Rad fertig mache, bemerke ich irgendetwas an meinem Hals. Als ich an die Stelle greife, werde ich von einer Wespe gestochen. Zweimal.

Die Wechselzone befindet sich auf einem großen Kunstrasenplatz, was ziemlich cool ist, weil man einen perfektem Bodenbelag hat, wenn man mal von dem Granulat absieht, das wunderbar an allem haften bleibt. Leider hat Ironman auch in Thun die Stellplätze wieder extrem eng bemessen, so dass sich die Räder fast berühren. Außerdem sind die Racks so hoch, dass die meisten Räder keinen Bodenkontakt haben und im Wind baumeln. Das weckt bei mir böse Erinnerungen an den Ironman Klagenfurt, wo mein Rad vom Ständer geworfen und beschädigt wurde.
Eigentlich hätte man auf dem Sportplatz locker noch ein paar Racks mehr aufbauen können, um die Situation zu entspannen.
Nach dem Check-in geht es nach Hause und nach der traditionellen Pasta früh ins Bett.

Der Ironman Switzerland Thun

Leider schlafe ich sehr schlecht und als um 3:30 Uhr der Wecker klingelt, fühle ich mich nicht besonders erholt. Aber egal, ich habe mal gelesen, dass das gar nicht so dramatisch ist und der Schlaf am Vortag viel wichtiger ist.
Ich mache mir einen Kaffee, esse zwei Maurten Riegel und dann fahren wir zum Shuttle-Parkplatz, wo wir unser Auto abstellen und mit dem Bus weiterfahren. Das klappt reibungslos und so sind wir recht entspannt um 5:30 Uhr in der Wechselzone. Noch eine gute Stunde bis zum Start.

Wir befüllen unsere Wechselbeutel. Da es nur knapp 10°C Lufttemperatur hat, lege ich mir vorsichtshalber auch eine Radjacke in den Wechselbeutel. Es soll zwar trocken und sonnig bleiben, aber trotzdem nur maximal 20°C warm werden. Das könnte am Anfang der Radstrecke doch ganz schön kalt sein. Auf eine Zitterpartie wie beim Triathlon Obernai vor zwei Monaten kann ich gerne verzichten.
Dann geht es zu den Rädern. Bremsencheck –  sie funktioniert immer noch. Ich pumpe noch die Reifen auf und bestücke das Rad mit meiner Verpflegung. Jetzt kann es losgehen.

Wir ziehen unsere Wetsuits an und machen uns auf den Weg zum Schwimmstart.
In der Dämmerung tauchen auf der gegenüberliegenden Seite des Thunersees die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau auf. Was für eine Kulisse!

Da wir etwas spät dran sind, müssen wir über die Absperrung in den vorderen Startblock klettern. Dann heißt es Abschied nehmen.
Ich begebe mich optimistisch in den Sub-60 Bereich und Michelle in den Sub-65 Block.

Ironman Switzerland Thun 2025 Wechselzonenromantik

Schwimmen bei 17°C

Die offizielle Wassertemperatur ist 17,3°C. Neoprenpflicht!
Das hatte ich noch nie bei einem Rennen. 17,3°C klingt für eine Frostbeule wie mich schon beängstigend. Ich schwimme ja teilweise auch im Sommer mit Shorty im Freibad, weil mir sonst kalt wird.
Heute also Neoprenpflicht und das bedeutet, dass Arme und Bein vollständig bedeckt sein müssen. Also ist auch sleeveless heute nicht erlaubt.
Außerdem sind bei dieser Temperatur Neopren-Socken gestattet. Ich ärgere mich etwas, da ich solche Socken besitze, aber nicht dabei habe. Wer hätte das auch ahnen können. Am Freitag hatte der See noch 20°C Wassertemperatur.
Aber immerhin habe ich zwei Schwimmkappen, die ich übereinander ziehen kann.

Ironman Switzerland Thun 2025 Startpanorama

Startschuss zum Ironman Switzerland Thun

Um 6:40 fällt der Startschuss zum Ironman Switzerland Thun. Die Profi-Männer sind bereits seit 20 Minuten unterwegs. Nach einigen Sekunden bin ich an der Reihe, starte meine Uhr und laufe ins Wasser.
Der Einstieg ist sehr flach und man kann recht weit in den See rennen. Dann kommt der Moment, in dem ich ins Wasser eintauche. Im ersten Moment ein kleiner Schock. Das ist schon ganz schön frisch.

Ironman Switzerland Thun 2025 Schwimmstart

Ich kraule los. Das kalte, klare Wasser, der Blick auf die Berge im Sonnenaufgang. Was für eine Bilderbuch-Kulisse.

Die Schwimmstrecke ist einfach zu schwimmen. Durch den Rolling Start ist es auch nicht zu voll und ich komme nur mit wenigen Mitschwimmern ins Gehege.
Allerdings finde ich leider keine Füße, an die ich mich hängen kann. Entweder sind sie zu langsam oder viel zu schnell für mich.
So ziehe ich recht einsam meine Bahn, was mir aber auch ganz Recht ist.

Ich genieße bei jedem Orientierungsblick die spektakuläre Landschaft. Was für eine geile Schwimmstrecke.

Überraschenderweise macht mir auch das kalte Wasser nichts aus und lediglich meine Füße sind ein wenig taub, aber ich friere nicht.

Nach gut 1500 Metern geht es zurück Richtung Thun, wo wir dann in einen kleinen Hafen abbiegen und uns durch die Anleger schlängeln.
Am Ende des Hafens befindet sich der Schwimmausstieg mit einer sehr komfortablen Rampe, über die sonst die Boot zu Wasser gelassen werden.

Mit einer Zeit von exakt 1:03 Stunden bin ich sehr zufrieden und liege nur ein wenig hinter der Vorgabe meines Trainers.

Ironman Switzerland Thun 2025 Schwimmausstieg

Der erste Wechsel

Da die Sonne am Himmel strahlt und im August auch ordentlich Kraft hat, entscheide ich mich dazu die Jacke im Beutel zu lassen.
Ich nehme mir Zeit um das Granulat, das an meinen Füßen klebt, mit einem Handtuch zu entfernen, bevor ich meine Socken anziehe. Die kleinen Gummikörner möchte ich nicht den ganzen Tag im Socken haben.

Ich schnappe mir mein Rad und dann geht es auf die erste der beiden Runden.

Ironman Switzerland Thun 2025 Wechselzone

180 Kilometer Kitsch

Nach einer kurzen Geraden wartet der erste knackige Stich, den es hinauf geht. Ich habe für jeden Streckenabschnitt exakte Wattvorgaben von meinem Coach bekommen. Leider spinnt die Technik heute und die Anzeige bleibt immer wieder hängen. Bisher hat das immer tadellos funktioniert, aber ausgerechnet heute streikt die Splitvorgabe ein ums andere mal.
Ganz so dramatisch ist es aber nicht, da ich mich in einer etwas größeren Gruppe befinde und somit die Gruppe den Takt angibt. So bleibe ich in den flachen Stücken meistens ein bisschen unter meinen Vorgaben, muss aber in den Steigungen etwas mehr investieren, um nicht abreißen zu lassen.
Immer mal wieder kommen schnellere Gruppen und Einzelfahrer an mir vorbeigeflogen.

Nach gut 40 Kilometern beginnt der lange Aufstieg nach Riggisberg und die Gruppe löst sich langsam auf.
Die Strecke schlängelt sich entlang eines malerischen Bachs und über mehrere kleine Holzbrücken. Es ist wirklich unverschämt schön hier.

Ironman Switzerland Thun 2025 Holzbrücke

Zur gesamten Strecke kann man nur sagen: ein Traum!
Nicht von ungefähr wurde sie zur schönsten Ironman Radstrecke 2024 gewählt.
Der Asphalt in der Schweiz ist nahezu perfekt. Feiner Belag ohne Schlaglöcher, der sehr gut rollt. Selbst die Kanaldeckel bemerkt man kaum, wenn man sie überfährt.
Dazu dann die Landschaft.
Heute hat es strahlend blauen Himmel und klare Fernsicht. Die schneebedeckten Berge funkeln am Horizont, die Weiden und Hügel strahlen im satten Grün, Kühe stehen am Wegesrand und bimmeln mit ihren Glocken zum Support. Dazu die kleinen Schweizer Dörfer mit ihren alten Bauernhöfen, durch die wir fahren.
Es ist schon fast etwas zu kitschig.

Ironman Switzerland Thun 2025 Radstrecke

Reisegruppe Thun

Kurz vor einer der letzten Brücken ruft jemand meinen Namen. Ein bekanntes Gesicht. Ich bin kurz überrascht, denn eigentlich ist er viel stärker auf dem Rad als ich.
Wir schnacken kurz. Er ist direkt nach der Wechselzone gestürzt und hat dadurch den Anschluss verloren. Ich bin ordentlich am Keuchen, während er munter erzählt, wie es ihm bisher ergangen ist.
Nach kurzer Zeit verabschieden wir uns und er verschwindet hinter der nächsten Abbiegung.

Es folgt die Abfahrt nach Wattenwil, von wo aus es dann mehr oder weniger flach zurück nach Thun geht.
Nach einiger Zeit entdecke ich wieder meinen Bekannten vor mir. Das erstaunt mich. Ich hatte nicht damit gerechnet ihn nochmal zu sehen.
Hinter ihm hat sich ein kleiner Zug gebildet, an den ich mich anschließe.

Ironman Switzerland Thun 2025 Downhill

An einer der nächsten Steigungen schließe ich auf ihn auf und frage was los ist. Er will das Rennen kontrolliert zu Ende fahren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich da mithalten kann, aber ich versuche erstmal dran zu bleiben.

Auf der langen Geraden zurück zum Start-Zielbereich kommen uns die schnelleren Gruppen entgegen. Wie viele aus meiner Altersklasse wohl vor mir sind? 

Die zweite Runde durchs Berner Oberland

Die zweite Runde ist genauso schön wie die erste. Die Sonne strahlt am Himmel. Mir wird langsam richtig warm und ich beginne mich mit Wasser zu kühlen. Zum Glück habe ich keine Jacke angezogen.

An einer Steigung reichen Helfer kleine Stoffsäckchen mit Eis. Ich nehme keins, bekomme aber eins von meiner Begleitung überlassen. Nachdem ich mich kurz damit abgekühlt habe, stehe dann vor dem Problem wohin damit?
Wegwerfen darf ich es nicht, also stecke ich es mir in den Nacken. Am Anfang ist es ganz schön kalt, aber mit der Zeit ist der stetige Strom Eiswasser, der an meinem Rücken herunterläuft, super angenehm.

Ironman Switzerland Thun 2025 Uphill

Mittlerweile fahre ich an Position zwei unserer Gruppe, die sich hinter meinem Kompagnon gebildet hat. Außer ihm will offenbar niemand Führungsarbeit leisten.
Eigentlich traue ich mir das auch nicht wirklich zu, da ich schon am oberen Ende meiner Möglichkeiten fahre. Auf der anderen Seite ist es aber auch super unsportlich, nur von der Arbeit anderer zu profitieren.
So nehme ich mir irgendwann ein Herz und setzte mich an die Spitze. 

Glücklicherweise werde ich nach einigen Kilometern wieder abgelöst. Es ist schon krass, wie viel es ausmacht, wenn man ein Rad vor sich hat, selbst wenn es 10 Meter vor einem ist. Aber es erspart nicht nur Leistung, es ist auch mental überaus hilfreich, wenn man einen Orientierungspunkt hat, an den man sich klammern kann.
So wird die lange Fahrtzeit etwas kurzweiliger.

Ironman Switzerland Thun 2025 Abfahrt

Wespenstich Nummer drei

In einer Abfahrt bemerke ich plötzlich, wie etwas zwischen meine Beine fliegt. Eine Wespe – sie sticht mir in den Bauch.
Ich wurde schon ewig nicht mehr von einer Wespe gestochen und jetzt dreimal in zwei Tagen. Das nennt man wohl einen Lauf.

Die Gruppe ist zwischenzeitlich mehr oder weniger auseinander gefallen. Eine kleine Gruppe ist nach vorne weggefahren und den Rest haben wir in einer der vielen Steigungen verloren.

Gut 10 Kilometer vor dem Ende der Radstrecke fahren wir dann auf einen Triathleten auf, den wir zufällig beide kennen.
Die Triathlon-Szene ist ein Dorf. Trotzdem ein verrückter Zufall, dass man bei gut 1500 Athleten auf einer 180 Kilometer langen Strecke ausgerechnet zwei Menschen trifft, die man kennt.
So rollte der Dreier-Zug die letzten Kilometer gemeinsam zur Wechselzone.

Ironman Switzerland Thun 2025 Aeroposition

Der Marathon des Ironman Switzerland Thun

Nach einem schnellen Wechsel geht es auf die Laufstrecke.

Insgesamt gilt es drei Runden a 14 Kilometer zu laufen.
Nach einer Runde auf der Laufbahn des Lachen Stadion, dass durch die Sonne ordentlich aufgeheizt ist, laufen wir entlang der langen Geraden der Radstrecke aus der Stadt heraus und auch auf der schattenlosen Straße ist es verdammt warm.
Dann geht es durch einen kleinen schattigen Park und entlang des Thunersees, am Eventgeländer vorbei, zurück Richtung Thun.

Im Stadtgebiet wird die Laufstrecke leider sehr unrhythmisch. Es gibt viele 90°-Kurven und Wendepunkte, die einen aus dem Tritt bringen, dazu wechselt der Untergrund zwischen Schotter, Asphalt und Kopfsteinpflaster und zusätzlich liegt ein Großteil der Strecke in der prallen Sonne. Es gibt definitiv einfachere Laufstecken, aber zumindest ist sie weitestgehend flach.

Ironman Switzerland Thun 2025 Holzsteeg

Der Kampf gegen die Uhr

Ich fühle mich gut. Ich laufe etwas schneller als meine Vorgabe. Mein Ziel ist es, den Marathon mit einer 4:20er Pace zu laufen.
Ich habe keine Ahnung, auf welchem Platz ich gerade bin und habe natürlich auch keinerlei Informationen über Zeitabstände. So gilt für mich nur der Kampf gegen die Uhr. Insgeheim habe ich eine Gesamtzeit von 9:30 Stunden geplant. Wenn ich diese erreiche, dann bin ich zufrieden.

Die Stimmung auf dem zweiten Teil der Strecke ist hervorragend. Vor allem im Start-Zielbereich wird ordentlich supportet und ich höre immer wieder Anfeuerungsrufe mit meinen Namen in den unterschiedlichsten internationalen Aussprachevarianten.

Am Ende der ersten Runde werde ich plötzlich recht zügig überholt. Der Kollege läuft mindestens eine 4:15er Pace. Seine grauen Haare lassen bei mir den Gedanken aufblitzen, dass er eventuell in meiner Altersklasse sein könnte und ich hefte mich an seine Fersen. Selbst wenn er nicht in meinem Alter ist, ist dieses Gedankenspiel eine willkommene Ablenkung und Motivation.
Bis zum Wendepunkt in dem kleinen Park außerhalb der Stadt kann ich das Tempo auch mitgehen, muss dann aber einsehen, dass ich heute nicht die Körner für einen so schnellen Lauf habe. Die 2200 Höhenmeter der Radstrecke sind doch nicht ganz spurlos an mir vorbeigegangen.

Nutrition is the key

Ich nehme alle 6 Kilometer ein Maurten Gel. An jeder Verpflegungsstelle trinke ich Wasser und nehme Eis, das ich mir in den Einteiler schütte.
Doch nach dem Halbmarathon ist mir nicht mehr nach dem süßen Gel und ich entscheide mich dazu, dass ich ein Gel auslasse. Ein folgenschwerer Fehler, den ich leider etwas zu spät erkenne.

Ich passiere erneut den Start-Zielbereich und begebe mich auf die letzte Runde. Auf der Stadionrunde in der prallen Sonne zieht es mir plötzlich den Stecker.
Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, fehlt mir plötzlich die Energie und der Motor beginnt zu stottern. Meine Pace sinkt auf fast 5 Minuten ab. Die Stadionrunde und die folgende lange Gerade ohne Schatten machen es nicht besser. Noch 12 Kilometer bis zum Ziel. Das kann jetzt richtig eklig werden. 

Ironman Switzerland Thun 2025 Thunersee

Nachtanken

Ich schleppe mich bis zum Park mit dem Wendepunkt, in dem sich auch eine Verpflegungsstation befindet. Ich bleibe stehen und beginne zu gehen. Fast versagt mir der Kreislauf und mir wird etwas schummrig.
Ich nehme ein Gel und dazu noch vier Becher Cola und einen Becher Brühe. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal freiwillig Brühe während eines Wettkampfs trinke. Hoffentlich ist es keine tierische Brühe, denke ich, aber aktuell ist mir alles egal.
Das ganze Zeug spüle ich mit Wasser hinunter und lasse dann selbst noch etwas Flüssigkeit ab.
Der ganze Spaß kostet mich fast drei Minuten.

Dann trabe ich wieder los. Die Pace ist knapp unter 5 Minuten. Nicht gut, aber immerhin laufe ich wieder.
Einen Kilometer später geht es mir wieder deutlich besser. Meine ursprüngliche Pace kann ich zwar nicht mehr aufnehmen, aber ich bin einfach nur froh, dass ich die Krise einigermaßen gemeistert habe.
Ab jetzt nehme ich wieder brav meine Gels wie geplant.

Ironman Switzerland Thun 2025 Laufen

Auf dem Weg zum Ziel

Obwohl es nur 20°C sind, sorgt die Sonne dafür, dass ich das Gefühl habe zu verglühen. Neidvoll beobachte ich die Menschen, die in der kühlen Aare, dem Fluss, der durch Thun fließt, baden und ich spiele tatsächlich mit dem Gedanken, auch kurz in den Fluss zu springen.

Ich mache es natürlich nicht und laufe weiter.
Das Gehirn hat mittlerweile auf Notstrom geschaltet. Von meiner Umgebung nehme ich kaum noch etwas wahr und so rückt das Ziel immer näher. Noch fünf Kilometer. Im Kopf läuft Heimkino. Ich stelle mir vor, ich laufe meine Trainingsrunde und bin gleich zuhause. Noch zwei Kilometer. Der Support an der Strecke wird wieder lauter. Plötzlich taucht Michelle winkend vor mir auf und reißt mich kurz aus meiner Lethargie. Sie ist gerade auf ihrer ersten Runde. Ich bin so überrascht, dass ich kaum reagieren kann. Noch ein Kilometer. Zielbereich.

Ich biege in den kurzen Zielkanal ab. Freude und Erleichterung brechen sich Bahn.
Geschafft. 9:33:53. Fast eine Punktlandung. Ich bin super zufrieden und ausgepumpt. Das war ein sehr hartes, aber auch ein verdammt schönes Rennen.

Ironman Switzerland Thun 2025 Zieleinlauf

Afterrace

Im Ziel lasse ich mich erstmal in einen der Liegestühle fallen und gönne mir einige Becher mit eisgekühlter Cola.
Erst jetzt bemerke ich, wie sehr meine Füße schmerzen und ich muss meine Schuhe ausziehen.
Kurz darauf wanke ich, mit meinen Schuhen in der Hand, in Richtung Athleten Garten.

Ich hole meine Tasche ab und schaue natürlich direkt in die Ironman App, um meine Platzierung zu erfahren. Podium müsste eigentlich mit meiner Zielzeit drin sein und ich wäre schon ein bisschen enttäuscht, wenn es nicht gereicht hätte.
Ein Blick in die Ergebnisliste meiner Altersklasse zeigt mir, dass ich, mit 18 Sekunden Abstand auf den Zweiten, Dritter geworden bin. Ich ärgere mich nicht darüber, dass ich so knapp an Platz zwei vorbeigeschrammt bin. Klar, hätte ich im Rennen gewusst, dass es so knapp ist, dann hätte ich die Zeit vielleicht noch irgendwo rausgeholt, aber es ist, wie es ist, und ich bin absolut zufrieden. Die Krönung eines fast perfekten Renntages.

Ironman Switzerland Thun 2025 Zielkanal

Support von Michelle

Ich genieße eine heiße Dusche und lasse mich massieren. Dann checke ich den Tracker und sehe, dass Michelle gleich am Athleten Garten vorbeikommt.
Sie bleibt kurz bei mir stehen, um zu berichten. Sie hat leider wieder Probleme mit ihrem Zwerchfell und ihrem Asthma und dummerweise hat sie ihr Spray im Wechselbeutel gelassen.
Ich mache mir etwas Sorgen um sie und hoffe inständig, dass es nicht wieder mit so einem Drama wie in Klagenfurt endet.

Ich bleibe im Athleten Bereich, wo nach und nach auch einige bekannte Gesichter eintreffen, mit denen man den Tagesverlauf rekapitulieren kann. Außerdem bekomme ich hier Essen und Getränke, während ich Michelles Lauf in der Ironman App verfolge. Nach der Halbmarahon-Marke brechen auf einmal ihre Zwischenzeiten ein und meine Sorge wächst.
Bei unserem nächsten Aufeinander treffen, berichtet sie, dass sie nur noch gehen kann, da sonst die Schmerzen in Rippen und Zwerchfell zu groß sind. Sie denkt ans Aufhören, damit ich nicht so lange auf sie warten muss. Ich sage ihr, dass sie noch 4 Stunden Zeit hat für die letzte Runde und sie nicht wegen mir aufhören soll. Ich würde natürlich bis zum Ende warten, das ist ja keine Frage. Sie geht weiter.

Eine Stunde später passiert sie mich erneut. Sie hat noch lange 8 Kilometer vor sich. Sie tut mir leid, aber ich habe großen Respekt davor, dass sie das Rennen weiter durchzieht, denn nach meinem Einbruch beim Tokyo Marathon weiß ich, was es bedeutet eine längere Strecke im Marathon gehen zu müssen und wie hart das vor allem mental ist.
Langsam setzt die Dämmerung ein und es wird dunkel. Michelle geht das Rennen zu Ende, biegt auf den erleuchteten Zielkanal ein und holt sich die hart verdiente Medaille. Chapeau!

Ironman Switzerland Thun 2025 Michelle

Award Ceremony

Am nächsten Morgen geht es zur Award Ceremony, wo ich meine Trophäe entgegennehme.
Nach dem neuen Vergabesystem für die Hawaii-Qualifikation bin ich auf Platz 30. Bei insgesamt 40 Slots für die Weltmeisterschaft hätte ich also ein Ticket für Kona sicher. Doch bereits vor dem Rennen war klar, dass ich auch in 2026 nicht auf die Pazifikinsel zurückkehren werde.
Meine beiden Hawaii-Starts 2018 und 2022 sind noch nicht allzu lange her und meine Sehnsucht nach einem weiteren Start wird aktuell immer noch bei von den immensen Kosten und dem großen Invest von Urlaubszeit im Zaum gehalten.
Deshalb verließen wir nach der Award-Vergabe bereits die Veranstaltung und verabschieden uns in den wohlverdienten Urlaub.

Ironman Switzerland Thun 2025 Award Ceremony

Fazit zum Ironman Switzerland Thun

Ich muss sagen, ich bin ein wenig verwundert darüber, dass der Ironman Switzerland Thun in meiner Wahrnehmung eher als B-Rennen abgespeichert war. Ich wusste natürlich von dessen Existenz, hatte aber eigentlich nie geplant dort zu starten und umso glücklicher bin ich jetzt darüber, dass mich der Zufall in Thun an den Start gebracht hat

Der Ironman Switzerland Thun ist ein wunderschönes Rennen. Die Schwimmstrecke ist ein Traum und die Radstrecke kann man sich schöner kaum wünschen. Die Kulisse der Berge mit Eiger, Mönch, Jungfrau und all den anderen imposanten Gipfeln ist atemberaubend.
Die Laufstrecke hat zwar ihre Mängel, aber auch viele sehr schöne Abschnitte.
Also in Summe ist Thun wirklich eine der schönsten Langdistanzen, die ich je gemacht habe.

Auch die Stimmung, die ganze Organisation, die Infrastruktur und der Ort Thun selbst sind super und lassen keine Wünsche offen.
Klar, die Radstrecke hat es mit 2200 Höhenmetern in sich und ist sicherlich keine einfache Strecke. Außerdem hatten wir extremes Glück mit dem Wetter. Bei Kälte und Regen oder bei Sonne und Temperaturen jenseits der 30°C Marke wird das Rennen eine ganz andere Geschichte.
Aber von meiner Seite bekommt der Ironman Switzerland Thun fünf Sterne bei der Google-Bewertung.
Top of Europe!

Ironman Switzerland Thun 2025 Award und Medaille

Strava Aktivitäten zum Ironman Switzerland Thun 2025
3800m Schwimmen
180km Rad
42,2km Laufen

Infos zum Ironman Switzerland Thun auf der Veranstalter Webseite