Mittlerweile hat es sich für mich zu einer Tradition entwickelt, mindestens eine Ironman-Langdistanz im Jahr zu absolvieren.
Da mit dem Swissman im Juni und dem Bayman im Oktober bereits zwei Langdistanzen für dieses Jahr feststanden, wurde es aber recht eng in meinem Terminkalender.
Die Wahl fiel dann ziemlich schnell auf den Ironman Vichy, da er zeitlich gut passte und Michelle gerne noch eine Mitteldistanz machen wollte.
Es gibt ja generell nicht viele Rennen, bei denen Lang- und Mitteldistanz an einem Wochenende ausgetragen werden. Wenn man dann auch noch terminlich limitiert ist, kann man froh sein, überhaupt noch ein passendes Event zu finden. Nachdem die letzten beiden Jahre nur noch die 70.3 in Vichy stattfand, sollte es 2026 auch wieder über die vollen 226 Kilometer durch die Auvergne gehen.
Wir waren bereits 2019 zum Ironman in Vichy in Frankreich. Für Michelle war es damals ihre erste Mitteldistanz und für mich meine zweite Hawaii-Qualifikation. So wurde die Entscheidung für den Ironman Vichy durch unsere durchweg positiven Erinnerungen an das Rennen vor sieben Jahren noch erleichtert.
Eine neue Radstrecke beim Ironman Vichy
Im Vergleich zu damals gab es jedoch gleich mehrere grundlegende Veränderungen.
Fand 2019 die Mitteldistanz samstags und die Langdistanz sonntags statt, sollten sie in diesem Jahr beide am gleichen Tag ausgetragen werden.
Nach meinen Erfahrungen beim Ironman Barcelona galt das für mich eigentlich als Ausschlusskriterium. Zwei Rennen auf der gleichen Strecke wollte ich nicht noch einmal machen, da die ohnehin oft schon zu volle Strecke dann noch voller ist.
In Vichy sollte allerdings die Langdistanz vor der Mitteldistanz starten und eine 180-Kilometer-Runde gefahren werden.
Galt es 2019 noch, drei Runden zu fahren, sollte es in diesem Jahr auf einer Runde über zwei Schleifen gehen. Die erste Schleife Richtung Süden, dann eine weitere Richtung Norden, die gleichzeitig auch die Strecke der Mitteldistanz ist. Lediglich ein Teilstück von 20 Kilometern wird dabei zweimal befahren.
Rennen mit nur einer Runde haben natürlich den großen Vorteil, dass sich das Feld viel besser verteilt und man nicht Gefahr läuft, andere Teilnehmer zu überrunden. Die mit 2.200 Höhenmetern recht anspruchsvolle Strecke eliminiert zusätzlich das Drafting-Problem.
Der Nachteil, dass wir nun beide am gleichen Tag starten sollten, ist natürlich, dass wir uns nicht gegenseitig unterstützen können. Allerdings war es für mich damals auch nicht optimal, Michelle am Tag vor meinem Rennen an der Strecke zu supporten.

Anreise und die ersten Eindrücke
Am Donnerstagmorgen ging es mit dem vollbeladenen Auto nach Frankreich. Dank ausreichend Verpflegung an Bord fuhren wir ohne größere Pausen auf direktem Weg nach Vichy, wo wir knapp acht Stunden später unser Airbnb bezogen.
Für den Freitag stand für mich noch eine kurze Koppeleinheit auf dem Plan.
Nach dem Mittagessen fuhren wir dann zum Parc Omnisports, einem riesigen Sportareal, das als Dreh- und Angelpunkt für den Ironman Vichy dient, wo wir unsere Startnummer abholten.
Die Wechselzone war diesmal auf einem großen Parkplatz platziert und nicht mehr direkt am Schwimmstart. Es gibt zwei getrennte Wechselzonen, die aber direkt nebeneinander liegen und nur durch eine Absperrung voneinander getrennt sind.
Was uns schon 2019 sehr positiv aufgefallen ist, ist das ganze Drumherum beim Ironman Vichy. Bei vielen Rennen ist das Eventgelände ja eher eine traurige Angelegenheit. In Vichy gibt es eine kleine Expo und eine relativ große Anzahl an Buden mit Essen und Trinken. Es werden zudem auch einige Side-Events wie Testschwimmen, NightRun und Ironkids geboten. Das wirkt sich sehr positiv auf die Gesamtstimmung aus.
Obwohl Vichy mit knapp 25.000 Einwohnern eine relativ kleine Stadt ist und der Ironman trotz zweier Rennen eine relativ kleine Veranstaltung bleibt – es starten nur etwa 900 Athleten auf der Langdistanz und knapp 1.900 auf der 70.3 –, hat man hier das Gefühl, dass mit mehr Liebe zum Detail gearbeitet wird.




Bike Check-In
Die geplante Schwimmeinheit am nächsten Morgen lassen wir ausfallen und schlafen stattdessen lieber aus.
Nach dem Frühstück fahre ich mit dem Auto zum Eventgelände und starte von dort einen kurzen Aktivierungslauf zurück zu unserer Unterkunft. So können wir am Nachmittag gemütlich mit den Rädern zum Bike-Check-In fahren und dann mit dem Auto wieder nach Hause.
Ich habe großes Glück mit meinem Stellplatz in der Wechselzone, denn ich habe einen Platz ganz am Ende einer Reihe. Leicht zu finden und ich muss nicht mit dem Rad durch die Reihen laufen.
Wieder in unserem Airbnb gibt es die übliche Pasta mit Tomatensoße und dann geht es früh ins Bett.




Der Ironman Vichy
Mein Start ist um 7 Uhr. Ich habe mich für die erste Startwelle mit einer Zielzeit unter 1:05 Stunden angemeldet. Natürlich gibt es auch in Vichy einen Rolling Start. Zusätzlich werden aber noch Startgruppen mit unterschiedlich farbigen Badekappen eingeteilt.
Um 4:30 Uhr klingelt der Wecker. Ich habe – wie schon die letzten Tage – exzellent geschlafen. Ein Nachteil des gemeinsamen Starts ist, dass Michelle mit mir früh raus muss, obwohl ihr Start erst um 9:40 Uhr ist.
Nach der üblichen Morgenroutine machen wir uns auf den kurzen Weg zum Sportpark.
Parkplätze sind in Vichy reichlich vorhanden, sodass alles sehr stressfrei abläuft.
Ich erledige die letzten Handgriffe am Rad und befülle meine Wechselbeutel. Danach treffe ich mich wieder mit Michelle und ziehe meinen Neoprenanzug an.
Es sind noch knapp zehn Minuten bis zum Start, und ich muss mich auf einmal doch etwas beeilen, denn meine Startgruppe wird schon auf das Ponton geleitet, von dem aus gestartet wird.

Der Start
Es gibt die übliche Motivationsansprache vor dem Rennen: „Jeder von euch hat einen Grund, warum er heute hier ist.“ Was ist dieser Grund eigentlich, frage ich mich.
Die Kona-Quali ist es nicht. Eine Platzierung auf dem Podium ist eigentlich immer ein Ziel, erzeugt aber auch einen gewissen Erfolgsdruck. Mache ich mir den Druck, weil ich es möchte – oder weil es erwartet wird? Wer erwartet das überhaupt? Irgendwie fällt mir in diesem Moment nicht so wirklich ein, warum ich das mache. Ich muss dringend mal an meiner Motivation arbeiten, denke ich mir.
Ich ziehe meine Schwimmbrille an – und mit einem Schnalzen verabschiedet sich das Gummiband. Die kleine Plastikarretierung ist gebrochen. Ich knote stattdessen den Gummi einfach zusammen. Kein Problem. Michelle, die das ganze Schauspiel vom Rand aus beobachtet hat, scheint durch die kleine Panne deutlich gestresster als ich.



Dann geht es auch schon los. Im 6-Sekunden-Takt werden wir auf die Strecke geschickt.
Ich entscheide mich gegen einen Startsprung und halte stattdessen lieber meine Brille fest, während ich nicht besonders elegant ins Wasser hüpfe. Ich kenne mein Glück und bin mir ziemlich sicher, dass ich beim Startsprung die Brille verlieren und mich das deutlich mehr Zeit kosten würde als meine Arschbombe.

Das Schwimmen
Das Wasser ist mit über 22°C recht warm – deutlich wärmer als die Lufttemperatur um diese Uhrzeit. Mir ist es im Neo eigentlich zu warm, vor allem auch, weil man ihn nicht vorher mit Wasser fluten konnte.
Da sich die Schwimmstrecke auf einer Regattabahn befindet, ist sie denkbar einfach. Es geht schnurgerade den Kanal entlang und nach 1.900 Metern wieder zurück. Zusätzlich zu den üblichen Ironman-Bojen gibt es kleine Bojen der Regattabahn und alle 500 Meter noch eine Boje mit der Distanzangabe. Besser geht es eigentlich nicht.
Leider ist der Lac d’Allier extrem trüb. Man sieht die Hand vor Augen nicht, und mir gelingt es im gesamten Rennen nicht, ein paar Füße zu finden, an die ich mich heften kann.
Negative mental attitude
Nach 400 Metern zeigt mir meine Uhr die erste Zwischenzeit. Ich bin 20 Sekunden langsamer als geplant, und ich beginne erneut, alles infrage zu stellen.
Leider werden meine Zwischenzeiten von Zeitnahme zu Zeitnahme immer schlechter, und meine Moral bröckelt immer mehr.
Irgendwann schwimmen die ersten blauen Badekappen an mir vorbei. Jetzt werde ich schon von den ersten der Startgruppe hinter mir eingeholt. Ein weiterer Nackenschlag für meine Moral. Es läuft so gar nicht – und das Schlimmste ist: Ich weiß nicht, warum.

Im Wasser sind stellenweise extrem viele Wasserpflanzen. Nicht nur, dass man sich in diesen verheddert – sie sind auch noch ziemlich kratzig, was teilweise wirklich unangenehm ist. Ich bin sehr froh über den Neoprenanzug. Ohne den Schutz würde ich sehr ungern durch das Gestrüpp schwimmen.
Nach 1:06:54 erreiche ich den Schwimmausstieg und werde von starken Armen aus dem Wasser gezogen. Ich bin zwar nur zwei Minuten über der Vorgabe meines Coaches, aber gut fünf Minuten langsamer als beim Ironman Vichy 2019.
Das war nicht der Start, den ich mir im Vorfeld gewünscht hatte.
Beim Weg in die Wechselzone stolpere ich noch fast über eine Treppenstufe, die ich unter dem ausgelegten Teppich übersehe.



Das Radfahren
Den Wechsel vollziehe ich recht geschmeidig, schnappe mir mein Rad und mache mich auf die Radstrecke.
Die ersten Kilometer gehen über die Promenade des Lac d’Allier, wo Aufliegerverbot herrscht. Dann biegen wir auf die Straße ab. Den französischen Asphalt kenne ich bereits. Er rollt leider nicht besonders gut.


An der ersten Verpflegungsstation stelle ich fest, dass es statt Radflaschen nur Wasser aus Einwegflaschen gibt. Ich mag diese dünnen Plastikflaschen nicht, da man mit ihnen das Trinksystem nicht besonders gut nachfüllen kann. Zudem sitzen sie sehr schlecht im Flaschenhalter und man läuft ständig Gefahr sie zu verlieren, was ja nach aktuellem Regelwerk auch unbeabsichtigt zu einer Strafe führen kann.
Es geht wellig durch kleine Dörfer und bewaldete Abschnitte. Ich versuche mich an die Wattvorgaben meines Trainers zu halten und ignoriere dabei auch erst einmal, dass ich immer mal wieder überholt werde. Der Tag ist noch lang.
Was mich allerdings irgendwann etwas beunruhigt, ist die Tatsache, dass mich gefühlt sehr viele meiner Altersklasse überholen und dass ich mich irgendwann in einer Gruppe befinde, die fast nur aus Athleten meiner Altersklasse besteht.
Ich habe keine Ahnung, wie ich im Rennen liege, aber ich befürchte, dass es nicht besonders gut ist, da mich ja schon bestimmt drei meiner Altersklasse alleine auf dem Rad überholt haben und ich beim Schwimmen sicherlich auch nicht ganz vorne mit dabei war.

Dark side of my mind
Ich weiß, dass ich nicht der stärkste Radfahrer bin und mir vor allem technisch anspruchsvollere Strecken nicht so liegen – umso dümmer, dass ich mich trotzdem immer wieder für genau solche Rennen anmelde.
Von der Hoffnung auf dem Podium zu landen, verabschiede ich mich – auch wenn mir eigentlich klar ist, dass das zum jetzigen Zeitpunkt totaler Quatsch ist. Aber heute gewinnen immer wieder negative Gedanken die Oberhand.
In meinem Kopf wird nur noch eine Schleife abgespielt: ”Du bist zu langsam. Heute wird das nichts. Hör doch einfach auf. Warum machst du das überhaupt?”
Nach gut 30 Kilometern beginnt der erste längere Anstieg durch das Vauziron-Tal nach Lachaux. Das Feld zerfällt in der Steigung fast vollständig.
In der Folge geht es immer wieder hoch und runter, bis in La Guillermie der höchste Punkt erreicht ist, von dem es dann hinunter nach Ferrières-sur-Sichon geht. Ab hier folgt der Abschnitt, den es zweimal zu durchfahren gilt.
Die D995 nach Cusset ist der schnellste Streckenabschnitt. Doch die 20 Kilometer mit über 41 km/h reichen nicht, um den Schnitt so weit zu drücken, dass ich auch nur annähernd in den geplanten Zielbereich kommen würde.

Die zweite Schleife nach Norden
Nach 2:30 Stunden und 83 Kilometern bin ich in Cusset.
2019 habe ich die 180 Kilometer in 5:25 Stunden geschafft. Eigentlich sollte die neue Strecke schneller sein, und der Plan war, eher an der 5-Stunden-Marke zu kratzen.
Mir wird klar, dass auch dieser Plan nicht aufgehen wird. Ich grüble erneut darüber nach, warum es heute nicht läuft.
Eigentlich fühle ich mich gut. Die Verpflegung klappt problemlos und auch körperlich geht es mir gut. Lediglich das Ergebnis entspricht nicht meinen Erwartungen.
In Cusset gibt es dann aber einen kurzen Stimmungsaufheller. In der kurzen, knackigen Steigung im Ort bekommt man ein kurzes Tour-de-France-Feeling. Die Strecke ist eng gesäumt von frenetischen Zuschauern mit Fahnen, Glocken, Tröten und Trommeln. 60 Sekunden Gänsehaut.

Auch hier gibt es Lutscher
Bis Lapalisse mit dem eindrucksvollen Schloss La Palice geht es relativ flach, und ich kann mal wieder ein bisschen Tempo machen.
Ich fahre bereits eine ganze Weile allein, als vor mir eine Gruppe von sechs Fahrern auftaucht. Als ich an ihr dran bin, wird meine Vermutung bestätigt: Der gebotene Abstand von 12 Metern wird hier eher ignoriert.
Aber zumindest die ersten beiden scheinen sich noch einigermaßen an die Regeln zu halten, und ich beschließe, mich erst einmal dort zu platzieren.
Doch kaum bin ich an dritter Position, rollt der gerade von mir überholte Franzose wieder an mir vorbei und klemmt sich mit wenigen Zentimetern Abstand an den Fahrer vor mir. Natürlich ist er auch noch in meiner Altersklasse.
Ich schaue mir das Ganze eine Weile an, fahre dann neben ihn und gebe ihm in einfachem Englisch zu verstehen, dass ich mit seiner Fahrweise nicht ganz einverstanden bin. Er schaut mich nur fragend an.
Da ich keine Lust habe, länger in dieser Gruppe zu verweilen und auch verhindern möchte, dass sie mir gleich am Arsch klebt, gebe ich Druck auf die Pedale und reiße eine Lücke.
An der nächsten Steigung blicke ich mich um. Von der Gruppe ist keine Spur mehr. Jetzt bin ich wieder komplett allein. Das ist mir aber auch ganz recht, kann ich doch so in den Abfahrten die gesamte Straßenbreite nutzen. Zudem war das gerade eine schöne kleine Motivationsspritze.
Bis ich zum zweiten Mal Ferrières-sur-Sichon erreiche, geht es eigentlich nur hoch oder runter, und meine Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt immer weiter. Selbst in den Abfahrten wird es – dank des rauhen Asphalts und der reichlich vorhandenen Schlaglöcher – nie so richtig schnell.
Es wird immer klarer, dass ich heute auf jeden Fall langsamer sein werde als beim Ironman Vichy 2019, und das, obwohl ich damals einige technische Probleme auf dem Rad hatte und ein paar Mal anhalten musste.

Ein wilder Ritt ins Ziel
Als ich nach 150 Kilometern in Ferrières-sur-Sichon erneut auf die D995 abbiege, kommt die nächste Überraschung: Die Strecke ist voll mit 70.3-Startern.
Was folgt, ist ein wilder Ritt auf der Überholspur.
Leider wird sich im hinteren Feld der Mitteldistanz wenig um das Rechtsfahrgebot geschert. Auch fährt man gerne in Zweier- oder sogar Dreierreihe nebeneinander her. Das zwingt mich dazu, immer wieder auf die Gegenfahrbahn auszuweichen und damit eine direkte Disqualifikation zu riskieren.
Erschwerend kommt hinzu, dass auf einmal relativ viel Zeug auf der Straße liegt – vor allem natürlich Radflaschen, aber auch Helmvisiere und sogar ein ganzes Aero-Cockpit liegt mitten auf der Fahrbahn.
Zu allem Überfluss habe ich in einer längeren Abfahrt selbst damit zu kämpfen, die Einwegflasche in meinem BTA-System nicht zu verlieren, die bei jeder Bodenwelle beängstigend weit aus dem Halter rutscht. Das ist aber gar nicht so einfach, wenn man gleichzeitig bremsen muss und die Hände nicht vom Lenker nehmen kann.
Mit erhöhter Aufmerksamkeit und einem gehörigen Adrenalinschub geht es Richtung Vichy. So ätzend die Situation ist – es macht die letzten 30 Kilometer doch extrem kurzweilig, und ich fahre sogar schneller als auf der ersten Runde.
Als ich nach gut 5:30 Stunden in die Wechselzone rolle, bin ich etwas überrascht, dass die Racks noch größtenteils leer sind. Vielleicht liegt es ja doch nicht an mir, dass heute alles etwas länger dauert als geplant .
Ich habe allerdings keine Ahnung, auf welchem Platz ich aktuell liege und ob ich vielleicht doch noch Chancen auf das Podium habe.
Deshalb fasse ich den Entschluss, dass ich zumindest auf der Laufstrecke mein im Vorfeld gestecktes Ziel, den Marathon mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4:25 zu beenden, erreichen möchte.

Der Lauf
Zwischenzeitlich ist es ziemlich warm geworden. Die 30°C fühlen sich in der prallen Sonne deutlich wärmer an.
Die Laufstrecke hat sich im Vergleich zum letzten Ironman Vichy nur minimal verändert. Ich weiß, dass nur etwa ein Drittel davon Schatten bietet.
Deshalb habe ich mir auch ein kühlendes Handtuch und eine Flask in meinen Laufbeutel gepackt, um mich möglichst gut herunterkühlen zu können.
So nutze ich die erste Verpflegungsstation, um meine Flask aufzufüllen, und mache mich auf die erste von vier Runden.
Die Strecke ist relativ voll, da noch ein Großteil der 70.3 unterwegs ist. Ich habe wieder niemanden, an dem ich mich orientieren kann. Es bleibt ein Rennen gegen die Uhr und den inneren Schweinehund.

Es geht vom Parc Omnisports entlang des Lac d’Allier bis zur südlichen Brücke über den See. Ein kleiner Holzsteg, der unter dem Laufschritt der Athleten deutlich spürbar auf und ab wippt, ist etwas fies. Zum Glück ist er nur gut 20 Meter lang, denn das Schaukeln geht schon irgendwie durch den Magen.
Von dort laufen wir weiter am Seeufer entlang Richtung Innenstadt. Hier ist der Weg meist nur feiner Schotter, und somit ist es in der trockenen Hitze eine sehr staubige Angelegenheit.
In der Stadt drehen wir eine kurze Runde durch den Parc des Sources und vorbei an der Oper bevor es wieder zurück zum See und weiter Richtung nördliche Brücke geht.
Von dort läuft man an der Wechselzone vorbei und eine Schleife durch den Zielbereich, bevor man sich auf die nächste Runde begibt.
Rundenbändchen gibt es in Vichy keine. Aber selbst, wenn man nicht mehr imstande ist, bis vier zu zählen, sollte ja heutzutage jeder eine Uhr am Arm haben, die einem mitteilt, ob man den Marathon voll hat oder noch eine Runde fehlt.

Der Halbmarathon läuft
Die erste Runde läuft ziemlich gut und ich fasse etwas Zuversicht.
Ich fühle mich locker, die Verpflegung klappt wie geplant. Zum Glück gibt es bei Ironman Maurten an der Strecke, so muss ich die Gels nicht selbst schleppen.
Zudem kühle ich mich regelmäßig mit Wasser aus meiner Flask und fülle diese regelmäßig auf. Die Duschen an den Verpflegungstationen meide ich dagegen, da ich gerne so lange wie möglich trockene Füße haben möchte.
Auch Runde zwei verläuft ähnlich, doch gegen Ende machen sich langsam meine Oberschenkel bemerkbar, und auch meine Füße beginnen zu schmerzen. Ich ahne, dass dieser Lauf ein ziemliches Massaker für meine Füße wird, aber richtig schmerzhaft wird das glücklicherweise erst in den Tagen nach dem Rennen.
Nach der Hälfte der zweiten Runde erblicke ich Michelle, die die Strecke geht und nicht sehr glücklich aussieht. Ich weiß direkt, dass sie wieder mit ihrer Intercostalneuralgie zu kämpfen hat, die sie ausbremst und dass sie mega enttäuscht sein wird, dass sie wieder mal bei einem Rennen nicht durchlaufen kann.
Ich hatte ja eigentlich die Hoffnung, dass wir uns im Rennen nicht begegnen und sie mindestens eine Runde vor mir das Ziel erreicht.

Der Saft geht aus
Als ich die dritte Runde angehe, beginnt langsam, aber stetig mein Pace abzusinken – wie bei einem Elektromotor, bei dem der Batterie langsam der Saft ausgeht.
Direkt sind die negativen Gedanken zurück. Warum läuft es heute nicht?
Mir hilft es eigentlich immer, wenn ich einen Gegner habe, wenn ich ein Ziel habe, wenn ich weiß, dass ich einen gewissen Rückstand aufholen oder einen Vorsprung verteidigen muss.
Doch all das fehlt heute. Ich weiß nicht, wo ich im Rennen liege. Aufgrund der unzähligen Mitteldistanzler weiß ich nicht mal, wer vor mir überhaupt auf der Langdistanz unterwegs ist. Es fehlt das Rennfieber.
Um das ein bisschen aufkommen zu lassen, versuche ich mir einfach vorzustellen, dass ich Dritter bin und mir der Vierte im Nacken sitzt. Dieses Gedankenspiel hilft zwar nur zum Teil, aber es verhindert, dass ich die Flinte gänzlich ins Korn werfe.


Der Kampf gegen den inneren Schweinehund
Es geht auf die vierte und letzte Runde. Ich hangle mich mental von Punkt zu Punkt.
Ein letztes Mal über den wippenden Steg, ein letztes Mal über die Brücke, ein letztes Mal über die staubige Piste entlang des Sees, ein letztes Mal durch den Park und vorbei an der Oper.
Es wird richtig hart. Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht der Versuchung zu erliegen und einfach stehen zu bleiben.
Trotz stetiger Kühlung bin ich am kochen, so dass ich mittlerweile jede Dusche dankbar annehme und mir an den Verpflegungsstellen so viel Wasser überschütte, wie möglich.
Ich werde von einem schnelleren Läufer überholt und hefte mich an seine Fersen. Wie ein Windhund auf der Rennbahn laufe ich dem Hasen hinterher. Der Kopf schaltet sich aus. Alle negativen Gedanken und Schmerzen werden dumpf in den Hintergrund gedrängt.
Schritt für Schritt. Dranbleiben. Jeder Meter bringt mich dem Ziel näher.

Leider kann ich nur ein kurzes Stück mithalten und muss meinen Pacemaker ziehen lassen.
Etwa zwei Kilometer vor dem Ziel treffe ich erneut auf Michelle und sie läuft ein paar Meter mit mir mit. Wir klagen uns kurz gegenseitig unser Leid, dann lässt sie abreißen.
Ein letztes Mal über die Brücke zurück Richtung Sportpark, vorbei an der Wechselzone – und dann endlich in den herbeigesehnten Zielkanal.
Es ist vollbracht!
Im Ziel des Ironman Vichy

Mit 9:57:53 habe ich die Sub-10 noch knapp ins Ziel gerettet.
Ich bin so froh, dass ich aufhören kann zu laufen, lasse mich hinter dem Ziel an der Bande auf den Boden sinken und bleibe im Schatten sitzen.
Ich bekomme meine Medaille umgehängt. Sonst scheint sich aber niemand für mich zu interessieren. Normalerweise wird man ja direkt aus dem Zielbereich gescheucht oder zumindest mal gefragt, ob alles okay ist.
Mir soll es recht sein – so bleibe ich einfach sitzen und warte auf Michelle, die nur wenige Minuten nach mir ins Ziel einläuft.
Mir fehlt immer noch die Kraft aufzustehen, weshalb ich sie zu mir rufe. Sie hilft mir wieder auf die Beine. Ich habe mich ganz schön abgeschossen. Zumindest kann ich mir nicht vorwerfen, mich geschont zu haben.
Trotzdem bin ich von meiner Zielzeit ziemlich enttäuscht. Am meisten fuchst mich aber, dass ich nicht weiß, woran es heute gelegen hat.

After-Race
Wir gehen in den After-Race-Bereich, der sich in einer großen Halle befindet. Hier gibt es ein sehr gut sortiertes Buffet mit allem, was das Herz begehrt. Allerdings ist die Luft in der Halle ziemlich stickig.
Wir wollen uns mit ein paar Getränken bewaffnet wieder nach draußen in den Zielbereich begeben, doch uns wird zu verstehen gegeben, dass wir nicht wieder raus dürfen. Das muss man nicht verstehen.
Nachdem wir einiges an Flüssigkeit aufgefüllt haben, gehen wir zum Ausgang, denn die After-Race-Beutel befinden sich draußen – und mir wird in meinem nassen Einteiler langsam kalt.
Mit unseren Beuteln wollen wir zurück in die Halle, doch dort will man uns den Zutritt verwehren. „Einmal raus, nicht wieder zurück.“. Nach einer kurzen Diskussion dürfen wir doch wieder rein.
Das wäre auch der einzige Punkt, der beim Ironman Vichy wirklich negativ ist: Es gibt weder Duschen noch eine Möglichkeit, sich umzuziehen. Das habe ich bisher noch bei keinem Ironman erlebt.
Stattdessen nutzen wir die Behindertentoilette in der Halle, um uns umzuziehen und etwas frisch zu machen.
Die Überraschung:
Dann checke ich die Ironman-App, um zu sehen, wo ich am Ende gelandet bin und wie meine Zeiten waren. Ich bin mehr als überrascht, als mir meine Platzierung ins Auge springt. Ich bin tatsächlich Dritter in der Altersklasse geworden bin.
Damit hätte ich beim besten Willen nicht gerechnet. Auch der Abstand zu den Plätzen vor mir ist überschaubar. Vielleicht lag es ja doch nicht nur an mir? Waren es einfach die Bedingungen, die das Rennen langsam gemacht haben? Hatte es vielleicht ungünstige Strömung auf der Schwimmstrecke? War die Strecke doch entgegen der Annahme eher langsamer als die alte? Hat die größere Vorbelastung dafür gesorgt, dass mir am Ende die Körner gefehlt haben?
Ich schau mir die Zeiten an – und ja, das Rennen war insgesamt langsamer als 2019.
Ich wäre zwar trotzdem gerne schneller gewesen, aber wenn ich den Tag Revue passieren lasse, dann hatte ich ja ein Rennen ohne größere Probleme.
Die Tatsache, dass ich am Ende auf dem Podium gelandet und insgesamt Platz 33 erreicht habe, lassen meine negativen Gedanken während des Rennen jetzt irgendwie ein bisschen lächerlich wirken.
Daran muss ich auf jeden Fall arbeiten, dass es mir im Rennen überhaupt nicht gelungen ist, positiv an die Sache ran zu gehen.
Das Problem ist einfach die Erwartungshaltung und der eigene Anspruch. Wenn man schon einige Male auf dem Podium war und gewisse Zeiten erreicht hat, dann setzt man den Maßstab an sich selbst vielleicht auch einfach zu hoch.
Es ist eben kein Selbstläufer, bei einem Ironman auf dem Podium zu landen. Den Druck, den ich mir da selbst mache, muss ich auf jeden Fall loswerden, denn er verhagelt ein bisschen den Spaß an der Sache.

Die Award Ceremony
Am nächsten Morgen geht es dann zur Award Ceremony ins Théâtre de Verdure, einem Amphitheater auf dem Gelände des Sportparks.
Es gibt ein großes Frühstücksbuffet mit Kaffee, Saft, Gebäck, Baguette, Käse und Obst.
Dann bekommen die Altersklassen ihre Awards ausgehändigt, und die ersten Kona-Slots für die Weltmeisterschaft 2027 werden vergeben.
Soweit ich das mitbekomme, geht nur ein Slot in den Gesamtpool. Alle anderen werden von einem der drei Erstplatzierten angenommen.
In meiner Altersklasse nehmen Sieger und Siegerin den Slot. Da ich im altersbereinigten Ranking auf Platz 18 bin, hätte auch ich einen der 50 Slots sicher. Aber ich lehne auch in diesem Jahr ab. Ich hatte zwei sehr besondere Rennen auf Big Island und die Erinnerung daran reicht mir noch für eine Weile. Vielleicht kehre ich in ein paar Jahren nochmal dorthin zurück, aber nicht jetzt.



Warum der Ironman Vichy ein Geheimtipp ist
Ich würde den Ironman Vichy als Geheimtipp bezeichnen.
Die Location im Sportpark ist optimal für so ein Rennen. Da Vichy ein kleiner Ort ist, sind die Wege kurz. Die Organisation ist top.
Die Schwimmstrecke könnte besser nicht sein – wenn das Gestrüpp nicht gewesen wäre.
Die Radstrecke ist recht anspruchsvoll, aber landschaftlich sehr schön und abwechslungsreich. Der französische Asphalt ist allerdings wirklich ein Performance-Killer.
Die Laufstrecke ist ebenfalls sehr abwechslungsreich, und die Wege sind alle breit und gut zu laufen.
Die Stimmung an der Laufstrecke ist auch erstaunlich gut für so ein kleines Rennen. Hier macht der Veranstalter einiges besser als andere.
Die Fressmeile im Zielbereich zieht auf jeden Fall Zuschauer an. Es wurden gratis Strohhüte und Fahnen verteilt, und am Abend gab es eine Lichtshow. Es muss ja gar nicht so viel sein, um ein Rennen auch für Zuschauer attraktiver zu machen.
Aber ein Geheimtipp vor allem für die, die nach Hawaii wollen: Das Starterfeld ist nicht groß. Es ist das erste Rennen mit Slots für das Folgejahr. Wenn man sich qualifiziert, hat man 14 Monate Zeit, sich auf Hawaii vorzubereiten.
Außerdem startet beim Ironman Vichy niemand, der sich bereits für Hawaii des gleichen Jahres qualifiziert hat, womit einige potenziell starke Konkurrenten definitiv nicht vor Ort sind.
Für mich gilt es jetzt, so schnell wie möglich die lädierten Füße wiederherzustellen, denn mein Rennkalender hat noch ein Schmankerl zu bieten.
Im Oktober geht es nach Mont-Saint-Michel zum Bayman XXL, meiner dritten Langdistanz des Jahres.
Ich werde mir auf jeden Fall Mühe geben, bis dahin den Spaß an der Sache wiederzufinden.

Strava Aktivitäten zum Ironman Vichy 2026
– 3800m Schwimmen
– 180km Rad
– 42,2km Laufen
Infos zum Ironman Vichy auf der Veranstalter Webseite