Lange war es ein großer Traum von mir beim Tokyo Marathon zu starten. Jahrelang habe ich vergeblich über alle möglichen Wege versucht, einen Startplatz zu bekommen. Doch selbst das Erreichen der Qualifikationszeit beim Hamburg Marathon 2019 wurde nicht mit einem Slot für Tokyo belohnt.
Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, erreichte mich dann ganz überraschend die Email mit der Zusage. Ich hatte tatsächlich einen Startplatz für den Tokyo Marathon 2025 erhalten.
Die Six Star Medaille
Als ich mich 2012 zum Berlin Marathon angemeldet habe, wusste ich noch gar nichts von der Existenz der Six Star Medaille. Die Six Star Medaille ist eine Sondermedaille, die man bekommt, wenn man alle sechs World Marathon Majors gelaufen ist. Die sechs Majors bestehen aus dem Berlin, Boston, Chicago, London, New York City und eben dem Tokyo Marathon.
Damals konnte man sich noch einfach für den Berlin Marathon anmelden – first come, first served. Der Hype ging erst ein paar Jahre später richtig los, sodass Berlin, wie alle anderen Majors – bis auf Boston, eine Lotterie einführte.
Ich bin dann über die Jahre immer mal wieder einen Major Marathon gelaufen. Dank meiner Marathonzeiten war es für mich nie ein Problem einen Startplatz für die Rennen zu bekommen, da ich immer über die Qualifikationszeiten einen Platz bekommen habe. Ich war also in der komfortablen Situation weder auf Glück noch auf ein dickes Portemonnaie setzen zu müssen.
Trotz Qualifikation kein Startplatz
Für den Tokyo Marathon gibt es auch die Möglichkeit, sich über eine gelaufene Marathonzeit zu qualifizieren. 2019 lag diese Zeit bei 2:45 Stunden. Das ist im Vergleich zu den Qualifikationszeiten, die bei den anderen Majors gefordert werden, schon ziemlich anspruchsvoll.
Als ich es dann beim Hamburg Marathon 2019 schaffte, diese Zeit zu knacken, war ich super glücklich und dann umso enttäuschter, als es doch nicht für einen Startplatz reichte. Das Problem war, dass unter allen Qualifikanten nur 100 Slots verlost wurden.
Mittlerweile wurde die Qualifikationszeit für Tokyo auf für mich unerreichbare 2:28 Stunden herabgesetzt. Zudem wurde die Anzahl der Qualifikationsplätze nochmal deutlich reduziert. Es gibt nur noch jeweils 25 Startplätze für Männer und Frauen, so dass auch dieser Weg nach Japan eine sehr schlechte Quote hat. Wahrscheinlich ist die Quote bei der regulären Lotterie sogar besser.
Der Weg über einen Reiseveranstalter oder über einen Charity-Slot kam für mich nie in Frage. So sehr hing mein Herzblut weder am Tokyo Marathon, noch an der Six Star Medaille, dass ich dafür so viel Geld auf den Tisch legen würde. Gerade der Tokyo Marathon ist unverschämt teuer, wenn man sich in das Rennen einkaufen möchte.

Mein Weg zum Tokyo Marathon
Doch wie kam ich jetzt an den Slot für den Tokyo Marathon?
Nachdem meine jahrelangen Lotterie-Anmeldungen und die Qualifikation nicht von Erfolg gekrönt wurden, entdeckte ich einen weiteren Weg an die Startlinie.
Das „RUN as ONE“-Programm bietet eine Serie von virtuellen Läufen, bei denen unter allen Finishern Startplätze verlost werden.
Für die Teilnahme wird eine Gebühr von etwa 10 Euro fällig. Dazu ist ein Halbmarathon oder Marathon zu laufen, den man einen gewissen Zeitraum in mehreren Etappen laufen kann. Das Erreichen des Ziels ist also nicht wirklich schwierig und die Endzeit spielt keine Rolle. Man erkauft sich im Endeffekt ein Lotterie-Los für den Tokyo Marathon.
Ich habe bestimmt zehn Mal daran teilgenommen und war schon kurz davor, die Flinte ins Korn zu werfen und mir das Geld zu sparen, als mich im August 2023 die Email mit dem Betreff „You are the winner!“ erreichte.
Unglaublich, damit hätte ich nicht mehr gerechnet. Ich habe tatsächlich die Zusage, beim Tokyo Marathon 2025 an den Start gehen zu dürfen.
Da mir zu diesem Zeitpunkt auch noch der Chicago Marathon zum Abschluss der World Marathon Majors Serie fehlte, beschloss ich, Nägel mit Köpfen zu machen und diesen noch vor Tokyo zu laufen.
Der Tokyo Marathon sollte also das Finale meiner 12 jährigen Marathonreise zum Six Star Finisher werden.

Reisevorbereitung
Dank der langen Vorbereitungszeit hatten wir genug Zeit, die Reise vorzubereiten. Michelle war in der Startplatz-Lotterie leider – wenig überraschend – leer ausgegangen, würde mich aber natürlich nach Japan begleiten.
Zwei Wochen sollte es für uns nach Tokyo gehen. Wenn ich schon eine so lange Flugreise antrete, dann möchte ich vor Ort auch genug Zeit haben, die Stadt zu erkunden.
Außerdem finde ich Tokyo und Japan sehr spannend und so verbrachte ich einige Zeit damit, um mit Hilfe von diversen Youtube-Videos und Reiseblogs das Sightseeing-Programm zusammenzustellen.
Leider lief meine sportliche Vorbereitung mal wieder alles andere als optimal. Während eines lockeren 15 Kilometer Laufs fing auf einmal meine Achillessehne an zu schmerzen. Kein unbekannter Schmerz, aber Achillessehnen-Probleme hatte ich schon lange nicht mehr. Vier Wochen vor dem Marathon war ich zwar beunruhigt, aber trotzdem noch guter Dinge, dass es sich nur um ein kurzfristiges Problem handelte.
Leider irrte ich mich. Nach zwei erfolglosen Testläufen beschloss ich, einfach bis zum Tokyo Marathon auf Laufen zu verzichten und die Sehne so lange wie möglich zu schonen, in der Hoffnung, dass ich es dann beim Marathon einigermaßen schmerzfrei ins Ziel schaffe.
Da hilft mir dann die jahrelange Marathonerfahrung nicht komplett verrückt zu spielen und einfach relativ gelassen die Dinge so zu nehmen, wie sie eben kommen. Diese Fähigkeit sollte sich auch in Tokyo noch als nützlich erweisen.
Eine Woche vor dem Marathon ging es für uns dann los auf den Trip nach Japan.

Tokyo
Mit Japanese Airline flogen wir direkt von Frankfurt nach Tokyo. Eine sehr angenehme Airline, die ich nur empfehlen kann. Wo bekommt man heutzutage noch richtiges Besteck aus Metall?
Am Narita Airport angekommen, mussten wir dann erst mal noch eine recht lange Bahnfahrt hinter uns bringen, bevor wir am Shinjuku Bahnhof ankamen.
Der Bahnhof Shinjuku ist dann auch direkt ein ziemlich krasser Kulturschock. Der Bahnhof ist ein riesiges Labyrinth, das täglich von 3,5 Millionen Menschen genutzt wird.
Wenn man es dann aus dem Gewirr heraus geschafft hat, dann erwartet einen Shinjuku, das Vergnügungsviertel von Tokyo. Ein Meer aus Leuchtreklamen, Spielhallen, Geschäften, Clubs und Stundenhotels. Wenn man sich nach einem 12 Stunden Flug mit seinem Koffer durch dieses Gewusel bis zum Hotel kämpfen muss, dann ist das schon eine Herausforderung.
Das Hotel haben wir strategisch günstig gewählt, in Laufweite zum Marathonstart und zu zwei U-Bahn-Knoten, aber am Rand des Vergnügungsviertel und damit in einer etwas ruhigeren Gegend.
Dass Hotels in Japan eher klein sind, war uns von vornherein klar. Wenn man dann aber in persona in so einer Schuhschachtel steht, ist das nochmal etwas anderes. Das Zimmer war wirklich sehr klein. Für zwei Personen gerade noch okay, aber viel größer als 185 cm sollte man nicht sein. Generell muss man in Tokyo schon bei einer Größe von mehr als 180 cm aufpassen, dass man sich nicht ständig irgendwo den Kopf stößt.



Sightseeing und Kultur
Am Tag nach unserer Ankunft hatte der Kaiser Geburtstag, ein Feiertag in Japan. Da dieser Feiertag auf einen Sonntag fiel, gab es für die Bevölkerung zum Ausgleich den Montag frei. Das sollte man auch mal bei uns einführen.
Wir fuhren zum Kaiserpalast, wo sich das Geburtstagskind der Bevölkerung präsentierte und der Zugang zum Kaiserpalast für die Allgemeinheit offen war. Leider waren wir etwas zu spät, da wir nicht herausfinden konnten, zu welcher Uhrzeit der Kaiser sich zeigen würde.

Abends besuchten wir noch ein Hardcore Konzert, das in einem winzigen Studio in Shinjuku stattfand. Neben zwei lokalen Bands spielte als Top-Act eine Band aus Südkorea. Ein sehr cooler Abend mit sehr netten Menschen. Wir haben immer großen Spaß auf unseren Reisen Konzerte zu besuchen und wurden auch diesmal nicht enttäuscht.
Auf dem Konzert lernten wir eine sehr nette Frau kennen, die mal mit ihrer Punkrock-Band ein Album in Deutschland aufgenommen hat. Wir haben uns lange mit ihr unterhalten und am Ende schenkte sie uns eine Packung vegane Kekse. Super nett.


Generell muss ich sagen, dass die Japaner sehr nette, hilfsbereite und unfassbar höfliche Menschen sind. Hier läuft alles sehr geordnet, gesittet und unaufgeregt ab. Obwohl die Stadt so voll ist, haben wir nie erlebt, dass jemand laut oder gar aggressiv wurde. Ich glaube, ich habe in den zwei Wochen keinen einzigen Autofahrer hupen hören. Das ist schon sehr angenehm und diese Stimmung färbt auch auf einen selbst ab. Man wird direkt viel ruhiger und gelassener.
Ich habe mir immer wieder belustigt vorgestellt, was wohl ein Japaner denkt, wenn er Berlin besucht.
Es hat uns erwischt
Das Wetter in Tokyo war prima. Es war zwar kalt, aber sehr sonnig. Doch bereits am ersten Tag merkte ich, dass da eine Erkältung im Anmarsch ist. Ausgerechnet jetzt. Erst die Geschichte mit der Achillessehne und jetzt das. Eine Erkältung könnte mir tatsächlich einen Strich durch die Rechnung machen und das Projekt Tokyo Marathon doch noch zum Scheitern bringen.
Im Kopf beginnt man die Tage zu zählen, die einem bleiben, um krank zu werden, krank zu sein und wieder gesund zu werden. Mir blieben noch sechs Tage.
Am Dienstag Abend hatte ich die Gewissheit, dass es mich erwischt hat. Zum Glück hatte ich nur Husten und Kopfschmerzen, aber keine Halsschmerzen. Doch Sightseeing hatte sich für mich erstmal erledigt. Stattdessen schlief ich 14 Stunden.
Leider blieb auch Michelle nicht verschont. Auf so einer Reise krank zu werden und sich das schöne Wetter durch die Fensterscheibe seines Hotelzimmer anzuschauen, war schon wirklich sehr bitter.
Glücklicherweise gab es gegenüber eine Drogerie, bei der wir uns etwas gegen die Kopfschmerzen besorgen konnten.

Tokyo Marathon Expo
Am Donnerstag Mittag ging es mir nach einer weiteren langen Nacht zumindest schon wieder so gut, dass ich meine Startunterlagen abholen konnte.
Die Marathon Expo befindet sich recht weit entfernt von unserem Domizil und wir mussten einmal quer durch die ganze Stadt fahren.
Die Fahrt mit der U-Bahn ist in Tokyo allerdings wirklich ein Traum. Mit Hilfe von Google-Maps ist es kinderleicht, sich zurechtzufinden, denn in Japan ist der Nahverkehr absolut pünktlich und verlässlich. Wenn in der App steht, dass man den Zug um 10:42 Uhr nehmen soll, dann muss man nicht darauf achten, was am Zug angeschrieben ist, sondern einfach in den Zug einsteigen, der zum besagten Zeitpunkt am Gleis hält.
In den zwei Wochen in Tokyo sind wir wirklich viel Bahn gefahren und wir hatten nur ein einziges Mal eine Verspätung von 30 Sekunden! Selbst die Busse sind pünktlich.
Wer den täglichen Wahnsinn bei der Deutschen Bahn kennt, der kann sich das kaum vorstellen. Das System in Japan läuft wie ein perfekt geöltes Uhrwerk.
Und auch hier frage ich mich, was der Japaner denkt, wenn er Deutschland besucht und mit der Bahn fährt.

Souvenirs und Superschuhe
Die Tokyo Marathon Expo ist wie jede andere größere Expo. Es gibt sehr viele Stände und Aussteller und man kann hier sehr viel Zeit verbringen, wenn man denn möchte.
Gut, dass man für den Zugang zum offiziellen Merchandise Stand des Tokyo Marathon von Asics zwei Stunden anstehen muss, das habe ich so noch nicht erlebt und darauf auch dankend verzichtet. Mein Schrank quillt sowieso schon über von Sportklamotten, da muss ich nicht noch mehr kaufen.
Am Stand von Maurten konnte Michelle uns als Maurten Ambassadors zwei limitierte Tokyo Marathon Trinkflaschen ergaunern, bei Garmin erspielten wir uns ein Handtuch im Samurai Style und bei Shokz mussten wir mit jedem Mitarbeiter ein Selfie machen, als wir erzählten, dass wir für Shokz in Deutschland Bilder gemacht haben. Das war schon sehr witzig und irgendwie befremdlich.




Bei Nike konnte ich dann noch den brandneuen Vaporfly 4, bei Adidas den 500 Euro teuren Pro Evo 1 und bei ON den LightSpray, der für Normalsterbliche gar nicht zu bekommen ist, Probe tragen. Allerdings durfte ich die Schuhe nur anziehen und mich kurz hinstellen, sie aber nicht laufen.




Die Tage bis zum Tokyo Marathon
Ich versuchte, mich so gut wie möglich zu schonen und sehr viel zu schlafen. Da es draußen mittlerweile nicht nur sonnig, sondern auch frühlingshaft warm wurde, schlenderten wir auch ein wenig durch die Stadt und die Parks und wir besuchten einige Shintō-Schreine.
Alles immer mit dem Fokus auf Regeneration und Genesung und natürlich mit FFP2 Maske. Der Mund-Nasen-Schutz gehört in Tokyo sowieso zum Straßenbild. Geschätzt 30% der Menschen tragen dort im Alltag eine Maske.




Bitte nicht nachmachen
Am Samstagmorgen ging es mir dann eigentlich ganz gut. Die Kopfschmerzen waren verschwunden und auch der Husten war nur noch sehr sporadisch vorhanden.
Ich fühlte mich allerdings immer noch sehr schlapp und müde.
Mir war bewusst, dass es aus sportmedizinischer Sicht schlauer wäre, keinen Marathon zu laufen. Aber nun war ich um die halbe Welt geflogen, um den langersehnten Tokyo Marathon zu laufen. Um hier nicht an den Start zu gehen, ging es mir nicht schlecht genug.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ich diesen Lauf irgendwann nachholen könnte, ist aus beschriebenen Gründen nicht sehr hoch. Also beschloss ich zu starten, warf aber alle Ambitionen über Bord.
Da mir klar war, dass es nicht ganz ungefährlich ist, zu früh nach einem Infekt Sport zu machen, vom Lauf eines Marathons ganz abgesehen, fasste ich den Entschluss zum ersten Mal einen Marathon nach Puls zu laufen.
Normalerweise laufe ich im Wettkampf nicht mit Pulsgurt und achte eigentlich auch nicht auf den Puls. Diesmal wollte ich mich aber strikt nach dem Puls richten und im Grundlagenbereich bleiben, um nichts zu riskieren.
Ich möchte an dieser Stelle nochmal ganz klar sagen, dass das wirklich nicht zur Nachahmung empfohlen ist. Mir ist bewusst, dass ein Start unter diesen Vorbedingungen auch für einen erfahrenen Marathonläufer nicht die beste Idee ist und ich hier kein besonders gutes Vorbild bin.
Selbstverständlich habe ich auch keine Schmerzmittel oder anderen Medikamente am Tag vor und zum Marathon selbst genommen.
Der Tokyo Marathon
Vor dem Start
Der Start erfolgt um 9:10 Uhr. Da wir nur 20 Minuten zum Start laufen müssen, können wir lange schlafen. Als ich die Vorhänge aufziehe, werde ich von einem strahlend blauen Himmel begrüßt.
Für heute sind frühlingshafte 20°C und Sonne gemeldet. Das ist zwar nicht das optimale Laufwetter, aber in meiner Situation ist mir das ganz recht, wenn es nicht zu kalt ist. Nach einem Kaffee und einem Maurten Riegel machen wir uns auf den Weg.
Am Eingang zum Athleten Bereich müssen alle Flüssigkeiten entsorgt werden. Das hatte ich auch noch nicht und so muss ich meinen Maurten Drink Mix, den ich eigentlich gemütlich bis zum Start zu mir nehmen wollte, komplett auf ex trinken.


Es gibt verschiedene Vorstartbereiche für die diversen Startgruppen. An den Dixis haben sich, wie man es gewohnt ist, gigantische Schlangen gebildet. Pissoirs gibt es leider keine, was ich nie verstehen werde, da sie eine enorme Entlastung der Dixis bringen.
Ich gehe in meinen Startblock. Der Platz im Block ist üppig bemessen. Da ich heute viel langsamer laufen würde, als es mein Startblock vorgibt, stelle ich mich ganz entspannt an dessen Ende.
Dann erfolgt der Start und ich entscheide mich spontan noch zu einem kurzen Boxenstopp, bevor ich die Startlinie überschreite und loslaufe.
Angespannt horche ich in mich hinein. Puls, okay. Achillessehne, okay. Erstmal bin ich beruhigt.

Der Halbmarathon
Bei Kilometer 1 wartet Michelle auf mich. Ich stoppe kurz und dann geht es weiter.
Der Blick auf den Puls zeigt mir, dass ich die Pace, die ich im Vorfeld als Zielwert geplant habe, nicht werde laufen können. Normalerweise kann ich im Grundlagenbereich mit fünf Minuten pro Kilometer locker laufen. Heute musste ich auf die Pace 20 Sekunden addieren, um mein gestecktes Pulslimit nicht zu überschreiten.


So ging es auf die ersten 10 Kilometer durch die Straßen von Tokyo.
Es gab immer wieder kleinere Bodenwellen über Straßen oder Bahngleise, die meinen Puls nach oben schnellen ließen und mich zu einer weiteren Tempo-Verlangsamung zwangen.
Irgendwann wurde ich von der Läufer-Traube um die 3:20 Stunden Pacemaker überholt. Es war mir egal, denn heute war mein Ziel einfach nur heil anzukommen. Die Zeit spielte für mich dabei keine Rolle. Zu diesem Zeitpunkt rechnete ich noch mit einem Finish um die 3:30 Stunden, was für mich schon sehr gemütlich ist.
Doch ich merkte recht schnell, dass es heute viel schlimmer werden würde, als ich es im Vorfeld befürchtet hatte. Meine Oberschenkel machten sich bereits bei der Halbmarathon Marke bemerkbar. Ich war bis hier zwar sowohl vom Puls, als auch von der Zeit, in meinem Plan, aber ich ahnte, dass es dabei nicht bleiben würde.
Am Streckenrand gab es wenig Abwechselung. Es waren zwar viele Zuschauer anwesend, aber die Stimmung war recht verhalten, was wohl auch der Japanischen Mentalität zu verdanken ist.



Das große Leiden
Bei Kilometer 25 wollte Michelle auf mich warten. Ich sehnte diesen Punkt herbei und zog aus dem baldigen Wiedersehen meine Motivation weiter zu laufen. Zwischenzeitlich wurde ich immer langsamer und dann auch von den 3:30 Stunden Pacemakern eingesammelt.
Als ich endlich Michelle auf der anderen Straßenseite entdeckte, hellte das kurz meine Stimmung auf. Als ich sie erreichte, blieb ich stehen und setzte mich kurz auf das Geländer, an dem sie lehnte. Eigentlich wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, das Rennen zu beenden.
Meine Achillessehne machte sich zum Glück bisher nur leicht bemerkbar. Was mich überraschte, war allerdings der Zustand meiner Oberschenkel. Diese fühlten sich unfassbar schwer an und schmerzten bei jedem Schritt. Ich konnte es mir nicht erklären, denn ein so lockerer Lauf sollte eigentlich keine so heftigen muskulären Probleme verursachen, schon gar nicht nach nur 25 Kilometern.
17 Kilometer hatte ich noch vor mir und mir schwante Übles. Ich beschloss, das Rennen in kleine Etappen einzuteilen. Nächstes Ziel ist die 30 Kilometer-Marke.

Es ist keine Schande zu gehen
Meine Pace sackte mittlerweile in Richtung sechs Minuten pro Kilometer. Grund war nicht nur, den Puls im Zaum zu halten, sondern auch meine Beine, die immer schwerer wurden.
Bei Kilometer 30 fing ich dann an der Verpflegungsstation zum ersten Mal an, eine längere Strecke zu gehen, um den Puls nach unten zu bringen und mich in Ruhe zu verpflegen. Es war zwischenzeitlich sehr warm geworden und ich trank mehr Wasser und Iso als gewöhnlich bei einem Marathon.
Mittlerweile schmerzen nicht nur meine Oberschenkel. Auch meine Knie, die Achillessehne, mein Rücken und meine Schultern begannen sich zu melden. Ich fragte mich, was der Auslöser für diese ungewöhnliche körperliche Reaktion war? Waren es die vier Wochen Laufpause und die Woche ohne Sport in Tokyo? Waren es die Nachwehen des Infekt? Oder das ungewohnt langsame Tempo, mit der krampfhaften Fixierung auf den Puls? Wahrscheinlich eine Kombination aus allem.
Dazu kam dann noch der plötzliche Sommerausbruch, der mir am Ende das Tages auch noch den ersten Sonnenbrand des Jahres bescherte, was den Körper zusätzlich belastete.
Bis Kilometer 36 schaffte ich es noch einigermaßen laufend, mit nur kurzen Gehpausen. Doch diese wurden immer länger. Das erneute Anlaufen kostete immer mehr Überwindung, da es wirklich schmerzhaft wurde und auch das Laufen an sich nur noch unter Schmerz möglich war. Gehen war dagegen okay, nur eben sehr langsam.




Die letzten 2 Kilometer des Tokyo Marathon
Bei Kilometer 40 war es mir dann egal. Die 4 Stunden Marke würde ich auf jeden Fall reißen, egal ob ich laufe oder gehe. Der Tokyo Marathon war schon jetzt der schlechteste Marathon, den ich je gelaufen bin. Nicht von der Endzeit, aber von der persönlichen Performance. Mir war an diesem Punkt alles egal. Ich wollte nur noch diesen Lauf beenden und die Medaillen abholen. Aus sportlicher Sicht war für mich hier schon lange alles gelaufen.
Ich beschloss, mich nicht weiter zu quälen und versuchte gar nicht mehr anzulaufen. Ich würde die letzten zwei Kilometer einfach ins Ziel gehen. Damit Michelle sich keine Sorgen macht, schickte ich ihr eine SMS mit der Info, dass ich noch gut 20 Minuten für die letzten zwei Kilometer brauchen würde,
Michelle wartete im Zielbereich auf mich, denn sie hatte im Vorfeld einen Zugang zur Ziellinie ergattert. Dieser Zugang wurde per Losverfahren vergeben und Michelle war unter den Glücklichen.
Mir tat es nur leid, dass sie ausgerechnet heute so lange auf mich warten musste, wo sie doch noch immer gesundheitlich angeschlagen war.

Tokyo Marathon Finisher
Ich ging weiter in Richtung Ziel. Langsam aber sicher werde ich den Tokyo Marathon beenden. Die Zuschauer, die auf den letzten 2000 Metern Spalier standen, konnten mich auch nicht mehr zum Laufen motivieren.
Ich war zu diesem Zeitpunkt ganz froh, dass die Japaner nicht so frenetisch anfeuern, wie man das vielleicht aus anderen Ländern kennt. Ich musste mich also nicht die ganze Zeit von Menschen anschreien lassen, die mich zum Laufen antreiben wollten oder mir erzählen wollten, dass ich noch gut aussehe.
So fiel es mir nicht ganz so schwer, an den Menschenmassen vorbei zu gehen, denn bei einem Marathon gehen zu müssen, ist schon hart. Wenn man dabei noch von tausenden Menschen beobachtet wird, ist es umso schwerer.
Dann bog ich endlich um die letzte Kurve und betrat die Zielgerade, wo ich Michelle erblickte. Ich blieb kurz bei ihr stehen und berichtete ihr, was sich die letzten 17 Kilometer ereignet hat.
Dann ging ich die letzten Meter bis zum Zielbogen, überquerte die Ziellinie und stoppte meine Uhr. 4:29:43. Das war ein langer, schmerzhafter Tag.

After Race
Im Ziel gibt es ein bisschen Verpflegung, einen Poncho und natürlich die Medaille des Tokyo Marathon.
Als Six Star Finisher ist meine Startnummer entsprechend gekennzeichnet und ich bekomme auch noch die Six Star Medaille ausgehändigt.
Irgendwie lässt mich diese Medaille aber total kalt. Ich muss sagen, dass ich mit dieser Medaille, im Gegensatz zur Tokyo Marathon Medaille, überhaupt keine Emotion verbinde.
Ich packe die Six Star Medaille in meinen Beutel, weil mich das Geklapper zusammen mit der Tokyo Marathon Medaille nervt und weil ich nicht in der Stimmung bin, mich alle paar Meter dafür beglückwünschen zu lassen.
Nach einer Odyssee durch das Gewirr der U-Bahn-Tunnel schaffe ich es dann endlich, Michelle am vereinbarten Treffpunkt in die Arme zu schließen. Ich bin fix und fertig und will nur noch ins Hotel, ein heißes Bad nehmen und schlafen.
Mein Fazit zum Tokyo Marathon
Die sechs Major Marathons waren jeder für sich eine tolle Erfahrung und jeder der Majors stand für sich genommen auf meiner Bucket-List. Einige davon würde ich auch gerne nochmal laufen. Aber das Six Star Finish hat für mich keine sportliche Bedeutung. Das merke ich, jetzt wo ich die Six Star Medaille habe, ganz besonders.
Deshalb ist für mich das Thema Major Marathon nun auch abgehakt, obwohl die Serie ja gerade um weitere Rennen erweitert wird. Aber keines der neuen Rennen reizt mich. Vor allem nach China würde ich freiwillig keinen Fuß setzen. Aber auch Sydney und Südafrika standen nie auf meiner Bucket-List, also warum sollten sie es jetzt?
Der Tokyo Marathon war ja das jüngste Mitglied dieser Serie, bevor nun Sydney als siebtes Rennen dazu kam und ich muss sagen, das merkt man auch.
Im Vergleich zu den anderen Majors finde ich Tokyo bei weitem das schwächste Rennen.
Die Strecke ist nichts besonders. Man kommt kaum an Highlights der Stadt vorbei. Viele Abschnitte werden in beide Richtungen und sogar mehrfach durchlaufen und ähneln sich sehr.
Die Stimmung an der Strecke ist japanisch zurückhaltend. Also kein Vergleich mit den anderen fünf Rennen der Serie.
Auch nimmt man in den Tagen vor dem Marathon kaum wahr, dass in der Stadt ein Marathon stattfindet. Kein Vergleich zu Chicago, wo die ganze Stadt mit Marathon Werbung zugepflastert ist und man in der Innenstadt das nahende Event kaum übersehen kann.
Es fehlt irgendwie der Punkt, der Tokyo besonders macht.
Das klingt jetzt vielleicht alles sehr negativ und ist vielleicht auch durch meinen katastrophalen Lauf ein bisschen eingetrübt. Aber ich hatte tatsächlich mehr vom Tokyo Marathon erwartet.

Tokyo ist eine Reise wert
Tokyo als Stadt fand ich dagegen wirklich toll. Es gibt viel zu sehen und zu erleben. Die Menschen, die Kultur und die Atmosphäre sind spannend.
Das Essen ist überraschend günstig in Tokyo und auch beim Shopping liegen die Preise oft deutlich unter den Preisen in Deutschland, so dass der Japan-Urlaub relativ preiswert ist, wenn man denn erstmal da ist.
Gerade bei Laufschuhen kann man echte Schnäppchen machen.
Allerdings ist der Zeitpunkt des Tokyo Marathon nicht unbedingt die optimale Reisezeit. Wir hatten zum Großteil Glück mit dem Wetter. Aber am Dienstag nach dem Marathon fiel die Temperatur von 20° C auf knapp unter den Gefrierpunkt und es fing abends an zu schneien. Das war dann schon richtig eklig. Es kann also beim Marathon auch richtig fies werden.
Auch für die Kirschblüte, die die ganze Stadt in ein Blütenmeer verzaubert und ein echtes Highlight einer Japanreise ist, ist man eigentlich zu früh dran. Auch hier hatten wir Glück, dass der kurze Sommerausbruch zumindest einige Kirschbäume erblühen ließ. Ansonsten sind die prachtvollen Parks der Stadt um diese Jahreszeit nämlich eher etwas trostlos.




Am Ende bin ich einfach nur dankbar und glücklich, dass ich es ins Ziel geschafft habe und ich das Kapitel World Marathon Majors abschließen konnte.
Auch wenn es alles andere als gut lief, hätte es auch noch viel schlimmer kommen können. An einem “did not start” oder “did not finish” hätte ich wohl noch lange zu knabbern gehabt. Von daher bleibt mir nur zu sagen: „Arigatō, Tōkyō!“

Strava Aktivität zu diesem Rennen
Infos zum Tokyo Marathon auf der Veranstalter Webseite